Grenzen neu denken: Buch untersucht komplexe Grenzordnungen

26.01.2024

Grenzen neu denken: Buch untersucht komplexe Grenzordnungen

Interview mit Dr. Christian Wille

Grenzen sind mehr als nur Linien auf der Landkarte. Sie sind komplexe Gefüge aus Diskursen, Praktiken, Objekten, Körpern und Wissen. Dieser Ansatz der komplexitätsorientierten Grenzforschung wird in dem neuen Buch „Border Complexities and Logics of Dis/Order“ von Dr. Christian Wille und weiteren Forschenden aus Luxemburg, Deutschland und Frankreich vorgestellt.

Im Interview mit dem Mitherausgeber Christian Wille erfahren wir, was die Lesenden in diesem Buch erwartet, wie er komplexitätsorientierte Grenzforschung versteht und wie er es geschafft hat, 13 Mitstreiter:innen für das Buchprojekt zu gewinnen.

Herr Wille, mit Carolin Leutloff-Grandits und anderen Kolleg:innen haben Sie ein Buch zu Grenzkomplexitäten und Un/Ordnungen herausgegeben. Was erwartet die Lesenden?

Insgesamt sind wir fünf Forschende aus Luxemburg, Deutschland und Frankreich, die diesen ersten von insgesamt zwei Bänden herausgeben. Das Buch ist der Versuch, einen noch jungen Trend im interdisziplinären Nachdenken und Untersuchen von Grenzen zu fundieren. Die Lesenden erwartet daher eine theoretisch-konzeptionelle, aber auch empirische Auseinandersetzung mit Grenzen, die wir zu dem erweitern, was wir als Border Complexities bezeichnen.

Was verstehen Sie unter komplexitätsorientierter Grenzforschung?

In der Grenzforschung wird schon seit einigen Jahren unermüdlich konstatiert, dass Grenzen komplex seien. Was damit aber genau gemeint ist und welche forschungspraktischen Konsequenzen damit verbunden sind, dazu äußern sich die Autor:innen kaum. Hier setzt das Buch an und stellt dem inflationären Gebrauch des Komplexitätsbegriffs fundierte Ideen entgegen. Zum einen betonen wir, dass Grenzen nicht per se komplexe Gebilde sind, sondern die Komplexitätsorientierung eine spezifische und durchaus gewinnbringende Art ihrer wissenschaftlichen Betrachtung ist. Zum anderen legen wir das Grundprinzip der Grenze an – nämlich die Welt zu ordnen – und verknüpfen es mit dem Komplexitätsdenken. Hier ist für uns die Idee leitend, dass eine Grenze mehr ist als die Summe ihrer Teile – oder analytisch gedacht: dass eine Grenze nicht über ihre Teile erklärt werden kann, sondern über das Zusammenspiel ihrer Teile.

Und was bedeutet das nun mit Blick auf Grenzforschung?

Wir bauen auf den progressiven Trends aktueller Forschung auf, die Grenzen als wirkmächtige Gefüge aus Diskursen, Praktiken, Objekten, Körpern, Wissen usw. verstehen. Während solche Elemente bisher eher isoliert voneinander untersucht wurden, betont die Komplexitätsorientierung das Zusammenspiel dieser Elemente und Dimensionen. Wir bezeichnen es als komplex, weil aus ihm Un/Ordnungen und damit Grenz(ziehung)en hervorgehen, die als emergente Eigenschaften komplexer Gefüge zu betrachten sind. Für diese besondere Sicht auf Grenzen operieren wir mit Border Complexities – ein Konzept, das Grenzen als relationale Gefüge versteht und auf das Zusammenwirken ihrer Elemente sowie die daraus resultierenden Un/Ordnungen und Borderings fokussiert.

Das klingt alles sehr abstrakt. Wie haben Sie denn Mitstreiter:innen für das Buchprojekt gewonnen?

Gerade weil es in der Wissenschaft immer unüblicher wird, angemessene Ressourcen für die theoretisch-konzeptionelle Reflexion bereitzustellen, empfehlen wir unser Buch zur Lektüre. Darin finden sich auch Fallstudien, die das Entstehen und die Wirkmächtigkeiten von Un/Ordnungen zum Beispiel in europäischen Grenzregionen oder im EU- und US-Migrationsregime rekonstruieren. Wir danken den 13 Autor:innen, dass sie sich auf das Buchprojekt eingelassen haben, mit ihnen arbeiten wir zum Teil schon seit 2019 zusammen. Sie waren an dem internationalen Kooperationsprojekt „Border Complexities“ beteiligt, in dem dieses Buch entstanden ist. Der Band – wie auch der bald nachfolgende – bündeln die Projektergebnisse und leisten damit einen fundierten Beitrag zum rezenten Complexity Shift in der Grenzforschung.

Hier ist für uns die Idee leitend, dass eine Grenze mehr ist als die Summe ihrer Teile – oder analytisch gedacht: dass eine Grenze nicht über ihre Teile erklärt werden kann, sondern über das Zusammenspiel ihrer Teile.

Dr. Christian Wille , Mitherausgeber

Das Buch „Border Complexities and Logics of Dis/Order“, herausgegeben von Dr. Christian Wille, PD Dr. Carolin Leutloff-Grandits, Prof. Dr. Falk Bretschneider, Prof. Sylvie Grimm-Hamen und Prof. Dr. Hedwig Wagner, ist der 7. Band der Reihe Border Studies. Cultures, Spaces, Orders und erscheint im Juni 2024. Es ist ein wichtiger Beitrag zur Grenzforschung und bietet einen neuen Blick auf Grenzen als komplexe Gefüge, die die Welt ordnen und Un/Ordnungen hervorbringen.