Alles, was Radio-Profis wissen müssen

28.09.2022

Alles, was Radio-Profis wissen müssen

Wir sprechen mit Radioberaterin Yvonne Malak

Was macht sehr gute Moderator:innen aus?

Da sind zunächst mal die Leidenschaft für das Medium und eine gewisse Demut. Das mag zunächst seltsam klingen, aber immerhin erreichen wir als Moderatoren mit einer Botschaft zigtausende, im besten Fall hunderttausende Menschen, die uns ihre Zeit widmen, die sich für unseren Sender und uns als Botschafter des Senders entschieden haben. Diesen Menschen schuldet man die volle Aufmerksamkeit, hundertprozentige Präsenz, sensiblen Umgang mit deren Zeit und natürlich Interesse für diejenigen, mit denen man spricht. Dieses Interesse ist eine Grund-Voraussetzung, um ein Gefühl Gefühl dafür zu bekommen, welche Themen wirklich für eine Mehrheit interessant sind und welche unseren Hörern einfach nur die Zeit klauen und damit ein Abschalt-Faktor sind.

Damit wären wir auch gleich bei den Basics, die gute Moderatoren auszeichnen:

Zum Beispiel wissen diese um die „High Risk Zone“ zu Beginn eines Breaks und kommen sofort zum Punkt. Sie gehen wertschätzend mit der Zeit des Hörers um und sagen ihm sofort, warum er diesen Break hören soll.

Sie interessieren sich für das Leben ihrer Hörer und spiegeln dies in kurzen Moderationen jeden Tag anders. So setzen sie das Prinzip der 1:1 Kommunikation in jedem Break um und schaffen es gleichzeitig, innerhalb mehrerer Sendungen eine ganze Bandbreite an Hörern anzusprechen. Sie kennen ihr Sendegebiet in- und auswendig und halten sich ständig auf dem Laufenden über wichtige Ereignisse, Veränderungen im Stadtbild, große Baustellen, alle relevanten Events etc.

Damit sorgen sie dafür, dass die Sendungen nie austauschbar sind, sondern immer zuordenbar – zu einem Tag, einem Tagesteil und einer Region.  

Außerdem ist der strategische Teil wichtig: gute Moderatoren verstehen die Strategie des Senders und wissen um die Wichtigkeit des Verkaufens derselben. Das heißt, wenn man diesen Moderatoren zuhört, versteht man sehr genau, wofür der Sender stehen will bzw. steht.

Dann etwas Handwerkliches, was leider nur noch wenige Moderatoren beherrschen bzw. umsetzen:  sehr gute Moderatoren schaffen es spielend, mit der Stimme die Stimmung der Musik spiegeln und so dafür zu sorgen, dass die Musik (welche Jahr zirka 75% also ein Dreiviertel einer Sendestunde ausmacht!!!) mit Moderator mehr Spaß macht als ohne.

Noch mehr Anforderungen: gute Moderatorin verfügen über eine sehr gute Allgemeinbildung, verfolgen täglich die Nachrichten und verstehen die Haltungen ihrer Hörer zu den wichtigsten aktuellen Themen.

Leidenschaft für das Medium, Demut, Interesse, strategisches Verständnis, handwerkliches Können und eine gute Allgemeinbildung – das wären die Grundanforderungen für sehr gute Moderatorinnen und Moderatoren. Du siehst also: Moderieren ist viel, viel mehr als einfach nur ins Mikrofon reinzuquatschen…

 

Was brauchen Moderator:innen um zu Persönlichkeiten zu werden?

Persönlichkeiten haben dieses gewisse Etwas, diese Präsenz am Mikrofon. Das kann man vergleichen mit einer charismatischen Persönlichkeit, die, wenn sie einen Raum betritt, diesen beherrscht. Genauso beherrscht eine Moderatoren-Persönlichkeit den Audio-Raum, wenn er oder sie mit dem Hörer.

In dem Wort „Persönlichkeit“ steckt das Adverb „persönlich“. Sehr gute Moderatoren sind also persönlich und teilen wichtige Aspekte ihres Lebens mit den Hörern. Damit sorgen sie dafür, dass die Hörer in jeder Sendung etwas über denjenigen erfahren, der da mit ihnen spricht.

Über einen längeren Zeitraum wird man so zu einer transparenten Persönlichkeit, die dem Hörer hilft, sich mit einem zu identifizieren und auf Dauer eine starke Bindung herzustellen. Dabei stellt sich eine Persönlichkeit natürlich nie über ihre Hörer und belehrt nicht. Eine wichtige Eigenschaft ist auch Empathie. Empathie für die Hörer und für die Kollegen, mit denen man z.B. im Team moderiert. Das Allerwichtigste ist aber der Spaß bei der Arbeit, der natürlich auch in jedem Break rüberkommt.

 

Können Sie Beispiele für eine Radio-Persönlichkeit nennen?

Da ich niemandem zu nahetreten möchte, lasse ich den deutschsprachigen Markt mal außen vor und nehme Beispiele aus den USA:

Allen voran Ryan Seacrest, der vermutlich die meisten Sendestunden pro Woche „wegmoderiert“ (inkl. der weltweit ausgestrahlten American Top 40…). Natürlich hat dieser Mann ein großes Team um sich herum und trotzdem findet er aus sich heraus die richtigen Worte für jede Situation und schafft es, den Hörern auch in schwierigen und prekären Situationen immer ein gutes Gefühl mit auf den Weg zu geben.

Auch seine Co-Moderatorinnen Sisanie und Tanya sind hörenswerte Persönlichkeiten. Es lohnt sich auch, das Team rund um Elvis Duran bei Z 100 in New York zu hören. Auf Youtube habe ich kürzlich Videos von Tray Morgan aus New York entdeckt, der in verschiedensten Musikmoderationen zeigt, wie man Ramps spiegelt und seine Personality rüberbringt. Sehr beeindruckt bei den Radiodays Europe in Malmö in diesem Jahr hat mich Stefanie Hirst von Hits Radio UK – wie sie mit der Musik umgeht, wie sie mit den Songs spielt und aus einfachen Musikmoderationen überraschende Geschichten macht, die Spaß bringen – das ist wirklich großes Radio. Immer wieder Spaß machen auch die Youtube-Videos von „Klassikern“ wie Jojo Cookin Kincade oder Broadway Bill. Da kann man sich bestens abschauen, wie man perfekt mit der Musik umgeht.

 

Sie beschreiben in Ihrem Moderationshandbuch die vier Phasen des Kennenlernens. Worauf bezieht sich das und welche vier Phasen sind damit gemeint?

Auch die Einführung einer Persönlichkeit kann man geplant angehen. Persönlichkeit sein heißt nicht, einfach drauflos zu reden. Persönlichkeit sein heißt – siehe oben –  eine transparente Person zu sein, die möglichst viel aus ihrem Leben mit dem Hörer teilt. Dabei fängt man natürlich nicht mit dem Auftritt als Drag Queen auf der letzten Weihnachtsfeier des Senders oder den persönlichen sexuellen Notstand an (beides wahre Geschichten…), sondern lässt seine Persönlichkeit zunächst über die Inhalte des Senders und die Musik leben, bis man dann einige „klassische Merkmale“ hinzufügt.  In der ersten Phase ist man einfach eine unbekannte Stimme, in der zweiten Phase ist man vielleicht schon eine bekannte Stimme mit zuordenbaren Merkmalen, wie „Vater von drei Kindern“ oder „Working Mum“, in der dritten Phase ist dann eine bekannte Stimme die den Hörer sympathisch geworden ist und in der vierten Phase kann man zu der  Persönlichkeit werden, für die die Hörer den Sender einschalten. Für diese vier Phasen würde ich aber mindestens zwei Jahre einplanen.

 

Yvonne Malak gibt im Nomos Verlag „Das Moderationshandbuch“ heraus. Dieses bietet alles, was Moderatoren wissen müssen. Von Showprep über Content und Teasing bis zum kreativen Musicsell – dieses Buch vermittelt Know-How, gibt Input und erklärt strategische Hintergründe. Moderator:innen entdecken hier neue Ideen und Herangehensweisen, werden motiviert und inspiriert.