Digital Omnibus: Neue Spielregeln für Robotik und Physical AI in Europa

Digital Omnibus: Neue Spielregeln für
Robotik und Physical AI in Europa

Zu sehen ist der Header zum Thema Product Compliance, auf welchem der Autor Benedikt Rohrssen abgebildet ist. Dieser ist dunkelgrün mit grünen und weißen Quadraten.

Die Diskussion über die KI-Verordnung (AI Act) wird häufig so geführt, als müssten Hersteller von Robotern künftig zusätzlich zum bestehenden Produktrecht ein weiteres regulatorisches System erfüllen. Genau das stellt der Digital Omnibus nun teilweise auf den Kopf. Mit dem Digital Omnibus on AI verfolgt die EU das Ziel, die Regulierung von KI praxistauglicher zu gestalten. Besonders deutlich wird dies bei Robotik, autonomen Maschinen und anderen Anwendungen der sogenannten Physical AI.

Bedeutet das für Roboter künftig weniger AI Act?

Zumindest teilweise: Für viele Maschinen mit integrierter KI sollen die relevanten Anforderungen künftig nicht mehr als separates Parallelregime neben der Maschinenverordnung stehen. Stattdessen werden KI-spezifische Anforderungen stärker in das bestehende Maschinenrecht integriert.

Für Hersteller wirft dies zentrale Fragen auf:

  • Welche KI-Systeme unterliegen künftig noch unmittelbar der KI-Verordnung?
  • Wann genügt die Konformitätsbewertung nach der Maschinenverordnung?
  • Welche Übergangsfristen gelten für bestehende und neue Produkte?
  • Wie verändert sich die technische Dokumentation für Robotik und Physical AI?

Die eigentliche Herausforderung: Physical AI

Während sich ein Großteil der Diskussion zum AI Act auf generative KI und Large Language Models konzentriert, stehen Robotikunternehmen vor anderen Herausforderungen. Bei Physical AI treffen Software, autonome Entscheidungen, Cybersecurity und physische Sicherheit unmittelbar aufeinander. Die regulatorische Realität besteht deshalb nicht aus einem einzelnen Rechtsakt, sondern aus dem Zusammenspiel von Maschinenverordnung, KI-Verordnung, Cyber Resilience Act sowie weiteren produktspezifischen Vorschriften.

Mehr Klarheit – aber nicht weniger Compliance

Der Digital Omnibus reduziert für viele Hersteller Doppelstrukturen und schafft neue Übergangsfristen. Zugleich entstehen neue Abgrenzungsfragen, etwa bei Maschinen mit mehreren KI-Komponenten oder beim Zusammenspiel von sektoralem Produktrecht und KI-Recht.

Gleichzeitig rückt neben dem reinen Marktzugang zunehmend die Haftungsvermeidung in den regulatorischen Fokus. Die neue europäische Produkthaftungsrichtlinie (s. Rohrßen, ZfPC 2024, 2 ff.) nimmt Software, Updates, digitale Komponenten und KI-basierte Funktionen deutlich stärker in den Blick. Moderne Robotersysteme treffen autonome Entscheidungen, erhalten Software-Updates und interagieren unmittelbar mit ihrer physischen Umgebung. Damit gewinnen Fragen an Bedeutung, die weit über die klassische CE-Kennzeichnung hinausgehen: Welche Designentscheidungen können später als Produktfehler gewertet werden? Welche Rolle spielen Trainingsdaten, Sicherheitsfunktionen, Softwareänderungen oder Cybersecurity-Maßnahmen? Die entscheidende Frage lautet künftig daher nicht mehr nur: „Ist das Produkt konform?“, sondern zunehmend auch: „Kann ich diese Designentscheidung später vor einem Gericht verteidigen?“. Gerade bei autonomen und teilautonomen Robotersystemen werden technische Dokumentation, Monitoring, Risikomanagement und Compliance-Prozesse damit nicht nur für den Marktzugang, sondern auch für die spätere Haftungsvermeidung immer wichtiger.

Compliance neu denken

Für Hersteller von Robotern und anderen Physical-AI-Systemen besteht die eigentliche Herausforderung daher nicht darin, einzelne Rechtsakte isoliert umzusetzen. Entscheidend wird die Entwicklung eines integrierten Product-Compliance-Ansatzes, der Produktsicherheit, Cybersicherheit, KI-Governance und Haftungsprävention gemeinsam betrachtet. Gerade hierin liegt die eigentliche Bedeutung des Digital Omnibus: Er verändert nicht nur die Anwendung des AI Act, sondern die gesamte regulatorische Architektur für intelligente Maschinen in Europa.

Für Unternehmen, die Robotik oder andere Formen von Physical AI in Europa entwickeln oder vertreiben, lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf die neue Architektur des europäischen Marktzugangs und die Frage, wie sich Compliance- und Haftungsstrategien künftig sinnvoll verzahnen lassen.

Dr. Benedikt Rohrßen ist Rechtsanwalt, Bitkom-zertifizierter KI-Manager und Partner bei Taylor Wessing und leitet die Praxisgruppe Handels- und Vertriebsrecht. Der vertiefende Beitrag von Dr. Benedikt Rohrßen und Maximilian Höving „Robotik und Physical AI: Marktzugang in der EU nach dem Digital Omnibus on AI“ ist in ZfPC 2026, 216 ff. erschienen.