Quo vadis, Demokratie?
Hat der Liberalismus eine Zukunft?

Quo vadis, Demokratie?
Hat der Liberalismus eine Zukunft?

Zu sehen ist ein Banner vom Newsletter mit dem Beiträger Prof. Dr. Vittorio Hösle.
In der neuen Ausgabe von Quo vadis, Demokratie? sprechen wir mit Prof. Dr. Vittorio Hösle über die Krise des Liberalismus und die Zukunft demokratischer Gesellschaften. Warum geraten liberale Ordnungen weltweit unter Druck und welche Reformen sind notwendig, damit Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt erhalten bleiben?

Im Gespräch mit Prof. Dr. Vittorio Hösle

Lieber Herr Hösle, steht das „Ende des Liberalismus“ bevor? Oder stehen wir
eher vor einem Umbruch?

Das Ende des Liberalismus ist eine reale Möglichkeit – aber kein Vernünftiger kann sie wünschen. Wirtschaftliche Vernunft und Verantwortlichkeit, Schutz des Bürgers vor staatlichem Machtmissbrauch, Verbot von Angriffskriegen und Pflicht zur internationalen Kooperation sind die bleibenden Leistungen des Liberalismus, und mit seinem Zusammenbruch wären auch sie gefährdet. Gleichzeitig muss er dringend reformiert werden, wenn er überleben soll.

Sie kritisieren einen Neoliberalismus, der „alles ökonomisiert“. Inwiefern hat
diese Entwicklung zur Krise des Liberalismus beigetragen?

Das System des Eigennutzes hat einen legitimen Platz – aber nur, wenn er von einem Ordnungsrahmen getragen wird, der sich selbst nicht auf Egoismus stützt, wie der Ordoliberalismus lehrt. Zersetzt die Wirtschaft diese Ordnung, zerstört sie den Zusammenhang von Markt und Gemeinwohl und diskreditiert den ganzen Liberalismus.

Sie vertreten die These, dass im Konfliktfall der liberale Gedanke dem
demokratischen übergeordnet ist. Braucht Demokratie verbindliche liberale
Grenzen?

Ohne Zweifel – die Mehrheit darf die Rechte von Minderheiten oder von kommenden Generationen nicht beseitigen. Daher bedarf es unabhängiger Gerichte, einer schwer zu ändernden Verfassung und eines Bewusstseins, dass die Mehrheit selber an moralische Normen gebunden ist, die nicht ihrer willkürlichen Wahl entstammen.

Autoritäre Staaten wirken nach außen oft stabil und erfolgreich. Wo stößt
dieses Modell aus Ihrer Sicht an seine Grenzen – und was kann der
Liberalismus daraus lernen?

Autokratien entscheiden schneller, weisen eine bessere Geheimhaltung auf und planen langfristiger. Gleichzeitig ist Machtmissbrauch in ihnen viel leichter, und die Bevölkerung ist oft demotivierter und weniger ideenreich. Aber wenn Demokratien verfallen, können die Vorteile von Autokratien diejenigen der Demokratien plötzlich kompensieren.

Welche politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen geben Ihnen Anlass
zu der Hoffnung, dass der Liberalismus seine gegenwärtige Krise überwinden
kann?

Die US-amerikanische Verfassung hat bisher einen Kollaps des Rechtsstaates wie 1933 in Deutschland verhindert, Putin hat seine imperialistischen Pläne nicht verwirklicht. Aber eine Neuerweckung der moralischen Prinzipien, die dem Liberalismus zugrunde lagen, ist erforderlich, wenn dieser langfristig gesichert werden soll.

Im Interview

Vittorio Hösle ist Professor für Philosophie an der University of Notre Dame in Indiana (USA). Er analysiert die Krise des Liberalismus, seine historischen Wurzeln und aktuellen Herausforderungen. Hösle verteidigt den klassischen Liberalismus gegen neoliberale Verzerrungen und plädiert für ein realistisches, aber wertebasiertes internationales Ordnungsmodell. Zuletzt erschien sein Buch „Warum wir den Liberalismus reformieren müssen, statt ihn aufzugeben“ beim Verlag Karl Alber.

Mehr davon?

Dann abonnieren Sie Quo vadis, Demokratie? – unser Newsletter mit regelmäßigen Beiträgen von Wissenschaftler:innen über die Herausforderungen und Zukunft unserer Demokratie.