Kinder- und Jugendhilfe unter Druck: Beziehung braucht Spielraum

Kinder- und Jugendhilfe unter Druck:
Beziehung braucht Spielraum

Zu sehen ist der Header zum Thema Sozialrecht und Sozialwesen mit der Autorin Touran Fassihifar-Mayer

von Touran Fassihifar-Mayer

Seit 16 Jahren arbeite ich in unterschiedlichen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe. Eines ist über all die Jahre gleichgeblieben: Ohne Beziehung funktioniert vieles von dem, was wir fachlich planen de facto nicht. Zu Recht wird über professionelle Grenzen und Selbstfürsorge gesprochen. Wer dauerhaft mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen arbeitet, muss auch auf sich selbst achten. Gleichzeitig frage ich mich, ob wir dabei manchmal zu starr werden. Junge Menschen mit traumatischen Erfahrungen und Beziehungsabbrüchen brauchen Verlässlichkeit. Beziehung lässt sich aber nicht vollständig in Dienstpläne, Zuständigkeiten und Konzepte pressen.

Beziehung ist keine Zugabe

Nennen wir ihn Pascal. Er ist 18 Jahre alt und kennt die Jugendhilfe seit seiner frühen Kindheit. Traumatische Erfahrungen und häufige Wechsel von Bezugspersonen und Einrichtungen haben seine Biografie geprägt. Immer wieder kam es zu Krisen und Hilfeabbrüchen. Pascal reagierte mit Provokationen und grenzüberschreitendem Verhalten, besonders wenn Beziehungen enger wurden.

Als unsere Wege sich kreuzten, ließ ich ihn zunächst einmal sein, wie er ist. Nicht jedes Schimpfwort musste zum pädagogischen Thema werden. Wir verbrachten Zeit miteinander, hörten Musik, erledigten Alltägliches und sprachen zunächst nicht über seine Vergangenheit. Mit der Zeit lernte Pascal: Wenn ich etwas zusagte, hielt ich mein Wort. Für Krisensituationen hatten wir klare Absprachen getroffen, sodass er wusste, dass er nicht allein bleiben würde. Darauf musste er nie zurückgreifen, aber schon das Wissen, dass jemand verlässlich da war, machte einen Unterschied.

Wenn Hilfesysteme an ihre Grenzen kommen

Soziale Arbeit muss manchmal Dinge aushalten können. Nicht jedes provozierende Verhalten braucht sofort eine Intervention. Gerade bei jungen Menschen, die wiederholt Beziehungsabbrüche erlebt haben, kann herausforderndes Verhalten auch ein Versuch sein, die Verlässlichkeit einer Beziehung zu prüfen. Manchmal steckt dahinter die Frage: Bleibst du, wenn ich schwierig werde?

Einrichtungen müssen auch andere junge Menschen und Mitarbeitende schützen und manchmal müssen Hilfen beendet werden. Dann zeigt sich jedoch, wie wenig unsere Hilfesysteme teilweise ineinandergreifen. Es fehlen kurze Wege, verbindliche Kooperationen und tragfähige Netzwerke.

Deutlich wird das in Krisen: Junge Menschen brauchen dringend psychotherapeutische oder psychiatrische Unterstützung, doch Wartezeiten sind lang und Angebote stoßen an Kapazitätsgrenzen. Fachkräfte bleiben mit Situationen zurück, für die das bestehende Setting eigentlich nicht ausgelegt ist. Aber auch an anderen Übergängen erlebe ich, dass Probleme teilweise erst eskalieren müssen, bevor weiterführende Hilfen greifen. Damit reagieren Hilfesysteme teilweise erst dann, wenn aus Unterstützungsbedarf eine Krise geworden ist.

Dokumentation, Anträge, Abstimmungen und Zuständigkeiten nehmen immer mehr Raum ein. Vieles davon ist notwendig. Problematisch wird es, wenn Fachkräfte zunehmend damit beschäftigt sind, ihre Arbeit zu dokumentieren und abzusichern, während Zeit für die Menschen fehlt. Die kurzen Wege sind verloren gegangen. Menschen funktionieren nicht nach Zuständigkeiten und Hilfeplänen. Krisen entstehen nicht nach Terminvereinbarung.

Soziale Arbeit sichtbar machen

Auch deshalb habe ich begonnen, auf Social Media über Soziale Arbeit zu sprechen. Zu oft habe ich erlebt, dass Außenstehende kaum wissen, was dieser Beruf umfasst. In meinem Podcast SOFASOZIAL® kommen Fachkräfte ebenso zu Wort wie Menschen mit eigenen Erfahrungen im Hilfesystem.

Denn hinter Konzepten, Paragrafen und Hilfeplänen stehen Menschen. Professionelles Handeln braucht Regeln und Grenzen, aber auch Handlungsspielräume. Wenn die Angst, etwas falsch zu machen, größer wird als der Mut, wirklich in Beziehung zu gehen, verlieren wir etwas Wesentliches. Soziale Arbeit braucht deshalb Zeit, Vertrauen und den Mut, menschlich zu bleiben.

Touran Fassihifar-Mayer ist Sozialarbeiterin und seit 16 Jahren in unterschiedlichen Feldern der Sozialen Arbeit (u.a. in der stationären Kinder- und Jugendhilfe, im Allgemeinen Sozialen Dienst und der ambulanten Familienhilfe) tätig. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Begleitung geflüchteter junger Menschen – viele Jahre arbeitete sie u.a. in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Zudem war sie Lehrbeauftragte an der Hochschule Niederrhein. Unter „Touransozial“ macht sie Soziale Arbeit und gesellschaftliche Themen auf Social Media sichtbar und ist Host des Podcasts SOFASOZIAL®.