NOESIS
Kunst als Praxis des Denkens

NOESIS
Kunst als Praxis des Denkens

Zu sehen ist ein Banner vom Newsletter Noesis mit dem Beiträger Prof. Dr. Dieter Mersch

In der neuen Ausgabe von NOESIS sprechen wir mit Prof. Dr. Dieter Mersch über die Erkenntniskraft der Kunst, Adornos Negative Dialektik und die Bedeutung des Nichtidentischen. Das Gespräch führt von Fragen ästhetischer Praxis bis zur Aktualität eines Denkens, das Widersprüche nicht glättet, sondern produktiv macht.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Dieter Mersch

 

Kunst ist bei Adorno das „eigene Andere der Wirklichkeit“. Wie hängt Adornos Kunsttheorie mit seinem Übergang vom Idealismus zum Materialismus zusammen?

Adorno formuliert den Übergang in seiner Negativen Dialektik. Zentraler Bestandteil darin ist seine Begriffskritik. Danach zwingen Begriffe das je Verschiedene, Vielfältige und Singuläre unter die Identität einer allgemeinen Bestimmung: Sagen wir: „Das Bild ist realistisch“, verwischen wir alle Unterschiede zwischen den unzähligen Nuancen eines möglichen Realismus. Das Singuläre oder Nichtidentische zu retten, bedeutet dann, die je einzelne Materialität des Materiellen wiederzugewinnen. Eben dies vermag auf besondere Weise die Kunst.

Eines Ihrer Kapitel heißt „Kunst als Philosophie“. Wie kann künstlerische Praxis Reflexivität ermöglichen? Inwiefern stellt diese oft begriffliche Arbeit in den Schatten?

Die Kunst besitzt eine einzigartige Erkenntniskraft. Indem sie gleichzeitig, gegen alles Begriffliche, das Einzelne, Nichtsubsumierbare offenbart, erlaubt sie die Entdeckung dessen, was der begrifflichen Erkenntnis entgeht. In diesem Sinne vermag sie der diskursiven Wahrheit ihr Nichteinlösbares zu entreißen und sie gerade darin zu überschreiten. Da es dabei immer um das geht, was sich dem Begriff verweigert, kann dies per definitionem nur exemplarisch aufgewiesen werden. Dennoch lassen sich spezifische Reflexionsstrategien in den Künsten entschälen. Sie bestehen häufig darin, durch besondere Konstellationen Widersprüche und Paradoxa zu inszenieren, durch die Traumata, gleichsam die Wundmale des Realen, allererst zum Vorschein kommen können.

Wie kommt es zum doppelten Plural in der Überschrift zum Anhang Ihres Buches: „Philosophien neuer Musiken“?

Adornos vielgescholtene „Philosophie neuer Musik“ bleibt einseitig auf die Opposition zwischen Schönberg und Strawinsky beschränkt. Sie dogmatisiert die Neue Musik, die die vielfältigsten Formen und Experimente hervorgebracht hat. Darum der Plural: „Neue Musiken“. Sie sind zugleich nicht durch „eine“ Philosophie analysierbar, sondern erfordern unterschiedliche, geradezu disparate Zugänge. Daher die „Philosophien“.

Worin sehen Sie die besondere Aktualität der Philosophie Adornos heute?

Adornos dialektische Methode, die beständig in Widersprüchen denkt, ist das Musterbeispiel an Genauigkeit und Komplexität im Denken. Ein solches Denken ist gerade heute, in Zeiten der Entdifferenzierung von Sprache und Theorie, in der Atmosphäre großer Vereinfachungen, unverzichtbar.

Im Interview

Dieter Mersch ist, nach einer Professur für Medientheorie und Medienwissenschaften 2004 bis 2012 in Potsdam, emeritierter Professor für Ästhetik und Theorie an der Zürcher Hochschule der Künste. Bis 2021 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik. Seine aktuelles Buch Habilitationsschrift „Negative Ästhetik. Zur Kunstphilosophie Adornos“ erschien beim Karl Alber Verlag.

 

Mehr davon?

Unser Newsletter NOESIS versorgt Sie regelmäßig mit neuen Beiträgen, exklusiven Inhalten aus unserem Verlagsprogramm und aktuellen Hinweisen aus der philosophischen Community.
Für alle, die sich nicht mit einfachen Antworten zufriedengeben.