NOESIS
Wie soziale Medien zur digitalen Agora werden können

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Wie soziale Medien zur digitalen Agora werden können

Zu sehen ist ein Banner vom Newsletter Noesis mit dem Beiträger Prof. Dr. Thomas Gremsl

In der neuen Ausgabe von NOESIS sprechen wir mit Univ.-Prof. Dr. Thomas Gremsl über die Zukunft öffentlicher Kommunikation im digitalen Zeitalter. Er diskutiert die Rolle von Plattformen, die Bedeutung digitaler Souveränität und die Frage, wie demokratische Meinungsbildung unter den Bedingungen algorithmisch gesteuerter Öffentlichkeit gelingen kann.

Im Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Thomas Gremsl

 

Lieber Herr Gremsl, Sie beschreiben soziale Medien als potenziellen Ort einer „digitalen Agora“, gleichzeitig aber als Raum zunehmender Fragmentierung und Polarisierung: Welche konkreten Voraussetzungen müssten erfüllt sein, damit soziale Medien tatsächlich zu einem demokratischen Diskursraum im Sinne der Agora werden – und sehen Sie diese Entwicklung derzeit eher gestärkt oder gefährdet?

Ich sehe digitale Kommunikation als ein Grundbedürfnis der Menschen im 21. Jahrhundert. Kaum jemand wird sich heute eine Welt ohne digitale Kommunikationsmittel vorstellen können oder wollen. Gerade deshalb stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen diese Kommunikation stattfindet. Welche Rahmenbedingungen und Kompetenzen braucht es, damit soziale Medien nicht zu digitalen Arenen werden, sondern zu Räumen der kritischen und multiperspektivischen Auseinandersetzung?

Dafür braucht es meines Erachtens mehrere Dinge gleichzeitig. Es braucht klare rechtliche Rahmenbedingungen und eine stärkere Regulierung der Plattformen, etwa im Hinblick auf algorithmische Empfehlungssysteme, den Schutz der Nutzer:innen und den Umgang mit problematischen Inhalten. Gleichzeitig müssen wir aber auch grundsätzlicher über die Struktur unserer digitalen Kommunikationsräume nachdenken. Wenn digitale Kommunikation ein so wichtiges gesellschaftliches Gut ist, stellt sich auch die Frage, warum wir ihre zentralen Infrastrukturen weitgehend einigen wenigen privatwirtschaftlichen Unternehmen überlassen, die primär wirtschaftlichen Interessen folgen und dabei über enorme Gestaltungsmacht verfügen.

Deshalb sollten wir neben der Regulierung bestehender Plattformen auch stärker über gemeinwohlorientierte, öffentlich verantwortete oder genossenschaftlich organisierte Alternativen nachdenken. Gleichzeitig müssen wir als Gesellschaft die notwendigen Kompetenzen für einen kritischen und selbstbestimmten Umgang mit sozialen Medien fördern. Und zwar nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern auch bei uns Erwachsenen. Aktuell sehe ich die Entwicklung eher gefährdet als gestärkt. Gerade deshalb müssen wir grundsätzlicher darüber diskutieren, wie wir digitale Kommunikationsräume gestalten wollen und wem wir ihre Gestaltung überlassen.

Soziale Medien übernehmen zunehmend Funktionen klassischer Informationsintermediäre, ohne demokratisch legitimiert zu sein: Wie lässt sich dieses Machtgefälle sozialethisch beurteilen – und wo sehen Sie legitime Ansatzpunkte für Regulierung?

Klassische journalistische Medien übernehmen wichtige Funktionen in demokratischen Gesellschaften. Sie selektieren, ordnen ein und bereiten Informationen auf und tragen damit wesentlich zur Meinungs- und Willensbildung bei. Soziale Medien übernehmen zunehmend ähnliche Funktionen, sind aber keine publizistischen Medien im klassischen Sinn. Es handelt sich um privatwirtschaftliche Plattformen, die primär kapitalistischen Logiken folgen. Ihr zentrales Interesse ist nicht die Förderung demokratischer Diskurse, sondern die Steigerung von Aufmerksamkeit und Profit.

Sozialethisch problematisch ist deshalb vor allem die enorme Macht weniger Unternehmen darüber, was sichtbar wird und welche Themen öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Regulierung sollte dort ansetzen, wo Plattformen faktisch gesellschaftlich relevante öffentliche Funktionen übernehmen. Dazu gehören aus meiner Sicht vor allem mehr Transparenz bei algorithmischen Systemen, stärkere Rechte für Nutzer:innen und klare Grenzen für problematische Plattformlogiken (bspw. Endless Scrolling, Dark Patterns).

Wenn algorithmische Systeme die Sichtbarkeit von Informationen strukturieren, verschiebt sich dann nicht auch das Verständnis von individueller Meinungsfreiheit? Anders gefragt: Inwiefern bleibt Meinungsbildung unter diesen Bedingungen überhaupt noch autonom?

Unsere Meinungsbildung war nie völlig unabhängig von äußeren Einflüssen. Die entscheidende Frage ist daher, wie unter den Bedingungen digitaler Kommunikation eine möglichst autonome und mündige Meinungsbildung gefördert werden kann. Dafür braucht es Regulierung, aber auch entsprechende Kompetenzen. Viele Menschen wissen nur eingeschränkt, warum ihnen bestimmte Inhalte angezeigt werden oder mit welchen Mechanismen Plattformen ihre Aufmerksamkeit möglichst lange binden wollen. Hier geht es für mich auch um digitale Souveränität.

Gerade weil Tech-Konzerne unsere digitalen Kommunikationsräume stark prägen, müssen Menschen in die Lage versetzt werden, diese Strukturen zu verstehen und kritisch mit ihnen umzugehen. Gleichzeitig braucht es Medienvielfalt und weiterhin starke journalistische Medien (die auch auf Social-Media-Plattformen präsent sind). Autonomie bedeutet dabei nicht, frei von allen Einflüssen zu sein, sondern diese möglichst zu erkennen, kritisch zu reflektieren und auf dieser Grundlage eigene Urteile bilden zu können.

Sie diagnostizieren eine mögliche „Verwahrlosung der Diskurse“ und wachsende Polarisierung: Liegt darin primär ein medienstrukturelles Problem oder ein gesellschaftliches – und was bedeutet das für die Stabilität deliberativer Demokratie?

Hier würde ich nicht zwischen einem rein medienstrukturellen und einem rein gesellschaftlichen Problem unterscheiden. Soziale Medien erzeugen gesellschaftliche Konflikte nicht aus dem Nichts, sie können bestehende Spannungen aber durch ihre Logiken verstärken – sie können sozusagen als eine Art Katalysator wirken. Emotionalisierung, Zuspitzung und Empörung erzeugen häufig besonders viel Aufmerksamkeit und damit auch Sichtbarkeit und Impact.

Gleichzeitig erleben wir, dass sich Meinungsfronten verhärten und andere Perspektiven teilweise kaum noch zugelassen werden. Das wäre für unsere deliberativen Demokratien fatal. Sie leben von der lebendigen Auseinandersetzung autonomer Individuen und von Multiperspektivität. Wir müssen also auch andere Positionen aushalten und mit Menschen diskutieren können, die anderer Meinung sind – gerade auch im digitalen Raum. Demokratie lebt ja nicht von Einigkeit, sondern von der Fähigkeit, Differenz und Konflikt innerhalb eines gemeinsamen demokratischen Rahmens auszutragen und gemeinsam nach Lösungen zu ringen.

Sie betonen Verantwortung auf mehreren Ebenen – individuell, institutionell und gesellschaftlich: Wer trägt aus Ihrer Sicht die wichtigste Verantwortung für die Qualität digitaler Diskurse – die Nutzer:innen, die Plattformen oder der Staat? Oder ist die Idee einer „digitalen Agora“ prinzipiell nur als kollektives Projekt denkbar?

In diesem Zusammenhang spreche ich auch gerne von einem Verantwortungsmosaik. Denn auf keiner der genannten Ebenen darf die aktive Übernahme von Verantwortung vernachlässigt werden. Erst das Zusammenspiel ermöglicht eine angemessene Auseinandersetzung mit den Herausforderungen digitaler Kommunikation. Wir dürfen nicht vergessen, dass besonders auch wir Nutzer:innen Verantwortung für unser eigenes Kommunikationsverhalten tragen. Gleichzeitig wäre es falsch, strukturelle Probleme einfach zu individualisieren. So tragen etwa die Plattformen eine besondere Verantwortung, weil sie die technischen und ökonomischen Bedingungen der digitalen Kommunikation gestalten. Und auch der Staat ist gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Grund- und Menschenrechte auch im Digitalen schützen und Machtasymmetrien begrenzen.

Die digitale Agora kann daher nur als kollektives Projekt gedacht werden. Die Verantwortung ist dabei unterschiedlich verteilt. Plattformen und staatliche Akteure tragen aufgrund ihrer größeren Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten eine besondere Verantwortung. Gleichzeitig können aber auch die Nutzer:innen ihre eigene Verantwortung nicht einfach abgeben. Digitale Mündigkeit bedeutet eben auch, Inhalte nicht blind zu konsumieren, sondern sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen und das eigene Kommunikationsverhalten zu reflektieren.

 

Im Interview

Thomas Gremsl leitet seit Juni 2026 die Professur für Ethik und Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz. Er forscht zur Sozialethik mit Schwerpunkt auf Digitalisierung und digitaler Transformation, wobei er ethische Fragen rund um Künstliche Intelligenz, digitale Technologien und deren Auswirkungen auf Gesellschaft und Individuum untersucht. Seine Habilitationsschrift „Digitale Arenen oder digitale Agora? Eine sozialethische Untersuchung sozialer Medien im Kontext liberaler Demokratien“ erscheint beim Nomos Verlag.

 

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