Angespannte Wirtschaftslage in Deutschland: Prognostizierte Auswirkungen auf die Sozialwirtschaft

Angespannte Wirtschaftslage in Deutschland: Prognostizierte Auswirkungen auf die Sozialwirtschaft

Zu sehen ist der Header zum Thema Sozialrecht und Sozialwesen mit der Autorin Prof. Dr. Andrea Hirschfeldt

von Prof. Dr. Andrea Hirschfeldt

Seit der Jahre ca. 2023/2024 verstärkt sich die angespannte Wirtschaftslage in Deutschland. Dies lässt sich anhand verschiedener Indikatoren verdeutlichen: geringeres Wachstum bzw. Rezessionstendenzen, Inflationsdruck bzw. Preisniveau über früherem Niveau, höhere Zinsbelastung (für Haushalte und öffentliche Kassen), Energie- und Versorgungskosten, steigende oder nur langsam sinkende Arbeitslosigkeit sowie Investitionszurückhaltung (vgl. Jahresgutachten des Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, SVR).

Für das Jahr 2026 prognostiziert das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erstmals einen Beschäftigungsrückgang von nahezu 480.000 sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse seit Herbst 2019, wobei in Großstädten die Beschäftigung stagniert, im ländlichen Raum der Beschäftigungsrückgang weiter voranschreitet. Laut Statista befindet sich Deutschland in der Übergangsphase von einem sehr starken Arbeitnehmermarkt hin zu einem ausgeglicheneren Arbeitsmarkt, was mit einer Machtverschiebung vom Arbeitnehmermarkt, kennzeichnend ist hier Employer Branding, hin zu einem Arbeitgebermarkt einhergeht.

Die neue Härte in der Führung („Authoritarian Shift“)

Die Wirtschaftsflaute bedeutet gleichsam einen kulturellen Wandel in der Arbeitswelt weg vom New Work mit flexiblen Arbeitszeitmodellen oder Corporate Benefits sowie einer partizipativen Führung, hin zu einer neuen Härte („Authoritarian Shift“). Aktuelle Bedrohungslagen wie geopolitische Verwerfungen, technologische Umbrüche, resultierend der auf Unternehmen wirkende wirtschaftliche Druck, steigern die Angst unter der Belegschaft und das Bedürfnis nach einer starken Führung, die Komplexität reduziert und Orientierung bietet. Partizipative Führung gilt als langsam und diskussionslastig. Entscheidungen unterliegen dem Druck schneller, effizienter sowie produktiver getroffen zu werden.

Mögliche Auswirkungen auf die Sozialwirtschaft

Für den Markt sozialer Dienstleistungen lassen sich infolge der angespannten Wirtschafts- und Arbeitsmarklage verschiedene Auswirkungen prognostizieren:

  • Mehr Nachfrage bei gleichzeitigem Spar- bzw. Budgetdruck: Mit steigenden Unsicherheiten gehen verschiedene Belastungen einher (z. B. Arbeitslosigkeit, Überschuldung, soziale Not, psychische Belastungen). Das erhöht typischerweise die Nachfrage nach Beratungs- und Unterstützungsangeboten. Gleichzeitig erhöht sich der Budgetdruck. Weil kommunale Haushalte und (teilweise) Landesmittel in schwächeren Konjunkturphasen oft weniger flexibel sind, kann dies dazu führen, dass Budgets nicht im gleichen Tempo mitwachsen oder gezielter gekürzt werden. In der Folge verlängern sich Wartelisten und Hilfewege, werden die Fallsteuerung stärker priorisiert (z.B. Creaming Effekt) bzw. Leistungen eingeschränkt.
  • Verstärker Druck auf Leistungsträger und- erbringer: Mit geringeren kommunalen finanziellen Spielräumen werden Leistungsvereinbarungen auf gesetzliche Mindeststandards reduziert. Der Spielraum für die direkte s.g. Zuschussfinanzierung schwindet. Damit geraten frei-gemeinnützige Träger zunehmend in Liquiditätsengpässe. Infolgedessen reduzieren sich die Kapazitäten für soziale Dienstleistungen, ferner gibt es weniger Spielraum zur Entwicklung neuer Angebote.
  • Verschärfter Personalmangel und steigende Personalkosten: Im personalintensiven sozialen Dienstleistungssektor werden infolge des Fachkräftemangels insbesondere in sozialen Lehrberufen Einstellungen schwieriger bei gleichzeitig steigendem Kostendruck infolge Tarifbindungen, Lohnentwicklungen, Sachkosten- und Finanzierungsvorgaben. Dies kann zur Abwanderung von Personal führen und länger unbesetzten Stellen. In der Folge steigt der Druck auf die bestehende Belegschaft durch weitere Arbeitsverdichtung bzw. Ausweitung der Betreuungskapazität.

Prof. Dr. rer. pol. Andrea Hirschfeldt, Professur für Sozialökonomie und Sozialpolitik an der Ostfalia Hochschule für Angewandte Wissenschaften – Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel, Stellvertretende Vorsitzende der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozial­management/Sozial­wirtschaft, Mitglied im erweiterten Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Sozialmanagement/Sozialwirtschaft.

Dies ist Teil 1 einer zweiteiligen Beitragsfolge: Teil 2 erscheint in der September-Ausgabe des Newsletters „Sozialrecht und Sozialwesen“.