NOESIS
Reflexe – Gesellschaft und Gemeinschaft

29.08.2025

NOESIS
Reflexe – Gesellschaft und Gemeinschaft

Von Jörg Phil Friedrich

Vielleicht kann man sagen: Gesellschaft ist die beste Organisationsform für große Menschengruppen in guten Zeiten. In diesen Zeiten können sie gesetzlich geregelt Verträge miteinander eingehen, die ihre wechselseitigen Verbindlichkeiten regeln und die dafür sorgen, dass alles seinen möglichst reibungslosen Gang geht – und im Übrigen können sie sich aus dem Weg gehen und das tun, was ihnen selbst wichtig ist. Sie können – sozusagen außerhalb der Gesellschaft – einen Freundeskreis aufbauen, Leute finden, mit denen sie gemeinsam eine gute Zeit haben, etwas Kreatives tun, aus dem sie Lebenssinn ziehen.

Die Gesellschaft selbst hat keinen Sinn, sie hat nur einen Zweck: das ungestörte, unfallarme Leben der Menschen sicherstellen, die sich in ihr eingefunden haben, um ihren eigenen Sinnerfüllungen nachgehen zu können, die aber gerade außerhalb dieser Gesellschaft liegen.

Für eine Gesellschaft, die letztlich als Staat organisiert ist, mag sich niemand ins Zeug legen, mag keiner ein Risiko eingehen, will keiner leiden oder gar sterben. Wir haben nun Jahrzehnte in einer Welt gelebt, die sich, aus vermeintlich gutem Grund und historischen Erfahrungen geschuldet, nicht als Gemeinschaft, sondern als Gesellschaft verstand: Man musste mit den anderen nichts gemeinsam haben, schon gar keine Werte und Ideale, man konnte die Beziehung mit ihnen auf Vertragserfüllung beschränken.

Wenn eine Menschengruppe, die als Gesellschaft organisiert ist, in eine Krise gerät, zeigt sich schnell ihre lebensgefährliche Verletzlichkeit. Eine Gesellschaft hat keine Abwehrkräfte gegen existenzielle Gefährdungen. Man sage nicht, dass die Pandemie doch gezeigt habe, dass die Menschen doch mehr füreinander empfänden als bloßes Interesse am Funktionieren der Vertragsbeziehungen. Das Wort Solidarität wurde zwar oft verwendet, beschränkte sich aber oft auf abstraktes Mitgefühl, das mit dem Verweis auf die Regeln der staatlich organisierten Gesellschaft aber sogleich durch den Hinweis beschwichtigt werden konnte, dass man für die, die litten, nunmal nichts tun konnte. Vermutlich können wir von Glück reden, können froh sein, dass ein Impfstoff gefunden oder dass die Variationen des Virus dann doch ungefährlicher waren als ursprünglich befürchtet – sonst wäre die Gesellschaft vermutlich schnell an ihr Ende gekommen.

Gemeinschaft entsteht aus der Gewissheit, dass man mit den Anderen, die in der Nachbarschaft oder auch ein paar Straßen, ein paar Städte oder ein paar Ländergrenzen entfernt leben, etwas Wichtiges gemeinsam hat. Aus Gemeinschaft entsteht eine Solidarität, die als Handlungsmotiv stärker ist als gesellschaftliche Vertragsverpflichtungen, denn Solidarität ist ein Ruf des Gewissens. Wenn man gewiss ist, dass man in einer Gemeinschaft lebt, in der die Würde der Menschen wirklich zählt, in der keiner für seine Vorlieben, seine Meinung, seine Lebensweise verfolgt wird und in der diese Leute, die so leben wollen, sich auch gegenseitig schützen und helfen wollen, dann ist man auch bereit, diese Gemeinschaft zu verteidigen, wenn sie in Gefahr gerät. Und man wird solidarisch sein mit denen, die bereits real fürchten müssen, dass ihnen diese Werte genommen werden, die sie vielleicht gerade erst errungen haben. Man wird die Werte- und Würdegemeinschaft mit ihnen stärken wollen. Und man wird bereit sein, für diese Gemeinschaft auch selbst ins Risiko zu gehen.

Bedroht sind die Gesellschaften, die sich den Erhalt von Menschenwürde und solidarischer Freiheit in die Verfassungen geschrieben haben, heute von verschiedenen Seiten. Wenn es diesen Gesellschaften nicht gelingt, sich zu einer widerstandsfähigen Gemeinschaft zusammenzutun, dann kommen sie vielleicht bald an ihr Ende. Natürlich kann man dann immer von vorn beginnen, wenn man merkt, was man verloren hat. Aber vielleicht gelingt Gemeinschaft ja noch, bevor die Gesellschaft zerfallen ist.

 

Jörg Phil Friedrich studierte zuerst Physik und Meteorologie und später Philosophie. Er ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Heute arbeitet er zu Fragen der Religionsphilosophie, der Wissenschaftsphilosophie und der politischen Philosophie. Beim Verlag Karl Alber erschienen „Der plausible Gott“ und „Ist Wissenschaft, was Wissen schafft?“

 

Kolumne Reflexe
In seiner Kolumne Reflexe gibt Jörg Phil Friedrich regelmäßig Anregungen zur philosophischen Reflexion, die auf alltäglichen, politischen oder gesellschaftlichen Erfahrungen beruhen.

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