Moderne Suchtprävention in der Sozialen Arbeit

30.01.2024

Moderne Suchtprävention in der Sozialen Arbeit

Suchtprävention Soziale Arbeit

Welchen Stellenwert nimmt die Suchtprävention aktuell in Deutschland ein?

Die klassische Suchtprävention ist sehr stark auf das Stadium der „Sucht“ fokussiert, also eine massive Substanzgebrauchsstörung. Diese Orientierung trägt  jedoch dazu bei, Drogengebrauch immer mit dem Beigeschmack „Sucht“ zu assoziieren, als führe jeglicher Gebrauch früher oder später in dieses Stadium hinein. Das schreckt zum einen die Menschen ab, die sich selbst als kontrollierte Gebraucher:innen betrachten, aber auch die, die konkrete safer-use – Hinweise erhalten und weiter – aber sicherer – konsumieren wollen. „Sucht“ stellt sich in diesem Zusammenhang als ein Negativ-, ja Kampfbegriff heraus, mit dem man andere Menschen angreifen und ihn/sie in eine ‚Kontrollverlustecke‘ drängen möchte, die zudem hilfebedürftig ist.  Wir wollen mit unserem Lehrbuch auch sensibilisieren für eine nicht-stigmatisierende ‚Drogensprache‘, denn die Fachsprache sollte sich über ausgrenzende Sprache und Begriffe im Klaren sein und sachliche Umgangsformen einüben.

Aktuell wird im Bundestag über die Legalisierung von Cannabis in Deutschland debattiert – Was würde die Legalisierung für die Suchtpräventionsarbeit bedeuten?

Die Legalisierung von Cannabis würde der Suchtprävention insofern nutzen, weil sie ehrlicher, glaubwürdiger arbeiten könnte. Bis jetzt  muss sich ein (junger) Konsument einer Straftat (Besitz illegaler Drogen) bezichtigen, um in einen Beratungsprozess zu kommen – das fällt nach der Legalisierung weitgehend weg. Drogenberatungsstellen könnten Konsumierende unterstützen in der Beratung über risikoarme Konsumformen, Kontrollgewinn beim Konsum, Beendigung bestimmter Konsummuster etc.

In Ihrem Lehrbuch gehen Sie auf die Ansätze Verhaltensprävention und die Verhältnisprävention ein. Was sind die Kernaspekte der beiden Präventionsansätze und wie spielen diese zusammen?

Die Suchtprävention in Deutschland konzentriert sich sehr auf die Verhaltensprävention, d.h. Appelle an Konsument*innen, ihr Verhalten mit diesen oder jenen Methoden, Hilfsmitteln, Tricks etc. zu ändern. Leider erfolgt diese Aufforderung zur Verhaltensänderung oftmals gekoppelt an eine Totalabstinenz von Drogen – was sicher medizinisch oft begründet ist, aber zu eindimensional ist, um viele Menschen, die Substanzgebrauchsstörungen aufweisen erreichen zu können. Es werden die Menschen ausgeschlossen, bzw. von suchtpräventiven Botschaften nicht angesprochen, die noch nicht oder nicht mehr willens oder in der Lage sind, das Ziel Abstinenz. Zu erreichen oder erreichen zu wollen. Ihr Bedarf nach schadensminimierenden Strategien wird durch die Suchtprävention oft nicht erfüllt.
Eine viel wichtigere, weil effektivere Interventionsebene stellt die Verhältnisprävention dar, die die Umgebungseinflüsse für Konsumierende/Abhängige verändert, z.B. durch ein Werbeverbot werden Menschen mit Alkoholgebrauchsstörungen nicht ständig mit attraktiven Alkoholwerbeszenen konfrontiert, Nichtraucherschutzgesetze sind weitaus wirksamer als Appelle zur Aufgabe des Tabakkonsums etc.


Prof. Dr. Heino Stöver ist Inhaber der Professur für sozialwissenschaftliche Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences und hat langjährige Praxiserfahrung in der Suchtkrankenhilfe, der Prävention und der Gesundheitsforschung. Larissa Hornig ist Doktorandin und Mitarbeiterin des Projekts „Motive und Hintergründe für den Konsum von Shishas – Shisha-M“ am Institut für Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences. Gemeinsam haben sie das Lehrbuch Suchtprävention in der Sozialen Arbeit herausgegeben.