Die Notwendigkeit qualifizierten Fachpersonals für die Sportsozialarbeit

Die Notwendigkeit qualifizierten Fachpersonals für die Sportsozialarbeit

Soziale Arbeit Themenwelt Newsletter

Autor Karlsson Olberg über die Rolle der Sportsozialarbeit und eine Notwendigkeit qualifizierten Fachpersonals

Sport-, körper- und bewegungsorientierte Handlungsansätze haben in der Sozialen Arbeit an Popularität gewonnen und werden kumulativ und – mit steigender Tendenz – ubiquitär eingesetzt (vgl. Michels 2014: 78). Beispielsweise finden sich in der Gewalt- und Suchtprävention, in der Arbeit mit Migrant:innen, in der Jugendhilfe und vielen weiteren Handlungsfeldern mittlerweile konventionell  sportive Elemente wieder (ebd.). Ein aktuelles Beispiel dafür ist das im September 2023 von der 48. Sportministerkonferenz (SMK) beschlossene „Herzogenauracher Manifest zu Bewegung, Spiel und Sport im Ganztag“. Die darin enthaltene Feststellung, dass dem Sport bei der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung eine relevante Funktion zugeschrieben wird, verweist auf die inzwischen obligate Interdisziplinarität der Sozialen Arbeit und des Sports (vgl. StMI 2023).

Diese kooperative Wechselbeziehung wird indessen als semantische Konstruktion „Sportsozialarbeit“ bezeichnet und befindet sich in der allmählichen wissenschaftlichen Etablierung. Allein eine vollumfängliche, konzeptionelle sowie gleichrangige interdisziplinäre Fundierung ist bislang, wenn überhaupt, fragmentarisch, verkürzt und zudem recht oberflächlich ausgestaltet worden (vgl. Michels 2014: 78). Bislang existieren vornehmlich unilaterale Adaptionen, ausgehend von jeweils einer Disziplin, indem sich für passende Umstände angemessener Inhalte der jeweils anderen Disziplin bedient wird. Eine solche Vorgehensweise ist nicht zu verurteilen, jedoch wird somit nicht erreicht, dass eine nachhaltige, jedoch durch die Indienstnahme spezifischer Inhalte der jeweils anderen Disziplin intendierte, effektive, fruchtbare Arbeit sowie genuine Langezeitwirkung zur Entfaltung kommen kann.

In diesem Zusammenhang wird obendrein häufig moniert, dass Sozialarbeitende zu wenig tiefgreifendes sportwissenschaftliches Verständnis besitzen, um jeweilige Sport- und Bewegungsangebote qualitativ und konsequent umzusetzen sowie fachspezifisch zu begleiten (vgl. Michels 2007: 13). Umso weniger besteht kein immersives Wissen um allumfassend förderliche physische, psychische und soziale Gesundheitseffekte des Sports, sodass diese nicht oder nur unvollendet zur Entfaltung kommen können. Auf der anderen Seite sehen sich Trainer:innen und Übungsleiter:innen, die in sozialen Kontexten Sport- und Bewegungsangebote anbieten und durchführen, die auch im Zuge der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung gefordert sein werden, der teilweise berichtigten Kritik gegenüber, dass sie keine fachlichen Einschätzungen hinsichtlich der konkreten sozial-emotionalen Notwendigkeiten oder der komplexen Lebenswirklichkeiten der jeweiligen Personen treffen können und demnach nicht in der Lage sind, fachgerechte sozialpädagogische Interventionen zu planen (ebd.).

Zudem ist wissenschaftlicher Konsens, dass die erwünschten positiven Wirkungsweisen von Sport- und Bewegungsangeboten in sozialen Kontexten, wie beispielsweise das Erlernen von sozialen Kompetenzen, nicht als zwangsläufige Nebenprodukte von Sport- und Bewegungseinheiten erwartbar sind (ebd.). Spezifischer Sport für die passenden Zielgruppen, der in speziell festgelegten Intensitäten und unter entsprechend abgestimmten Rahmenbedingungen mit fachlicher Anleitung und Begleitung geschieht, ist hingegen nachweislich wirksam für sozial-emotionale Reifeprozesse, interkulturelles Lernen, Gewalt- und Suchtprävention und vieles mehr. Die intendierten Potenziale des Sport, die der Sozialen Arbeit nutzbar gemacht werden sollen, können demnach ausschließlich durch qualifiziertes Fachpersonal erreicht werden, sonst sind mitunter sogar gegenteilige Folgen als Ergebnis einer Sport- und Bewegungseinheit im Rahmen von Kontexten der Sozialen Arbeit erwartbar (ebd.). Beispielsweise können im Sport durch Zustände gesteigerter Emotionalität moralische Entkopplungen erreicht werden, die, wenn sie nicht professioneller Zuwendung und Auseinandersetzung begegnen, zur Folge haben können, dass antisoziale und destruktive Dynamiken im Menschen sowie auch in Gruppenkontexten evoziert werden (vgl. Stanger et al. 2013).

Somit entsteht die Frage nach der Verfügbarkeit von Fachpersonal, das die intentionale Interdisziplinarität von Sozialer Arbeit und Sport konzeptionell, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhend, plant, umsetzt und evaluiert. Ein Beitrag soll mithilfe des Fachbuches „Soziale Arbeit und Sport“ gegeben werden, indem erste Anforderungsprofile an ebensolche Expert:innen gerichtet werden. Zudem findet sich eine Auflistung notwendiger Kompetenzen, die für die theoretische Auseinandersetzung mit der Sportsozialarbeit und die praktische Begleitung von Angeboten der Sportsozialarbeit elementar sind. Expert:innen der Sportsozialarbeit können die einzelnen Bereiche sportlicher Aktivitäten zielgruppenspezifisch planen und steuern. Darüber hinaus sind sie in der Lage, die Interdependenzen zwischen sportlichen Aktivitäten und den sozialen Auswirkungen zu erkennen und bei Bedarf entsprechend zu interve­nieren.

Folgerichtige Reaktion auf die bereits zu Anfang erwähnte kumulative Anwendung sport-, körper- und bewegungsorientierter Handlungsansätze in der Sozialen Arbeit ist insofern, auch unter Berücksichtigung der in diesem Beitrag beschriebenen Notwendigkeit umfassender interdisziplinärer theoretischer Kompetenzen und fachlicher Umsetzungsfähigkeit, die spezifische Ausbildung von Sportsozialarbeiter:innen.

Sportsozialarbeit darf á la lounge als neues wirkmächtiges interdisziplinäres Feld innerhalb der Sozialen Arbeit verstanden werden, das jedoch ihre effektive Ausgestaltung nur durch qualifiziertes Fachpersonal erreichen kann.

 

Karlsson Olberg ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der sportwissenschaftlichen Fakultät an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport (DHGS).

 

Literatur

Michels, H. (2007). Hauptsache Sport: Impulsgeber für die Soziale Arbeit. Sozial Extra, 31(9–10), 13–16.
Michels, H. (2014). Sport, Körper und Bewegung in der Sozialen Arbeit–das Düsseldorfer Modell. Sozialmagazin, 39(1–2), 76–83.
Stanger, N., Kavussanu, M., Boardley, I. D., & Ring, C. (2013). The influence of moral disengagement and negative emotion on antisocial sport behavior. Sport, Exercise, and Performance Psychology, 2(2), 117.
StMI. (2023). SMK: “Herzogenauracher Manifest zu Bewegung, Spiel und Sport im Ganztag.” Retrieved from Pressemitteilung des Bayerischen Staatsministeriums des Innern, für Sport und Integration website: https://www.stmi.bayern.de/med/pressemitteilungen/pressearchiv/2023/318a/index.php