Reflexe
Vorgeschichten und Kontexte

06.02.2026

Reflexe
Vorgeschichten und Kontexte

Zu sehen ist ein Banner vom Newsletter Noesis mit dem Beiträger Jörg Phil Friedrich

Von Jörg Phil Friedrich

Ein großer Teil der unversöhnlichen öffentlichen Debatten in den letzten Jahren dreht sich um die Frage der Vorgeschichte, des Kontextes, der Ursachen eines politischen Ereignisses. Genauer gesagt, er dreht sich darum, ob es geboten, sinnvoll oder verkehrt ist, über den Kontext und die Vorgeschichte eines einschneidenden und insbesondere moralisch zu verurteilenden Ereignisses zu sprechen.

Zwei unversöhnliche Sichtweisen

Dabei stehen sich zwei Sichtweisen unversöhnlich gegenüber: Die einen lehnen es ab, über die Vorgeschichte nachzudenken oder zu diskutieren, weil sie meinen, dass das moralisch verwerfliche Handeln damit relativiert oder gar gerechtfertigt werden würde. Die anderen sagen, man müsse eben die Vorgeschichte zur Kenntnis nehmen, um die aktuelle Situation und das Handeln der Täter zu verstehen. Dass das zumeist tatsächlich mit einer Relativierung der verwerflichen Handlung einhergeht, wird meist gar nicht in Abrede gestellt, man meint aber, eine solche Relativierung sei geboten, wenn die Vorgeschichte und der Kontext eine Handlung sozusagen zwingend gemacht haben. Umgekehrt scheint es zumindest hin und wieder so, dass die Ablehnung einer Einbeziehung der Vorgeschichte in die Beurteilung und Analyse der Gegenwart tatsächlich aus der Furcht entsteht, dass man selbst das, was man für verurteilenswert hält, nachher nicht mehr als ganz so unmoralisch ansehen kann.

So wird bei Diskussionen um den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine immer wieder gefragt, ob die falsche Politik des Westens gegenüber Russland sowie die Aussicht, dass die Ukraine Mitglied der NATO werden und das westliche Militärbündnis damit auch in dieser Region an die Russische Föderation heranrücken könnte, schuld an der Eskalation und schließlich am Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine gewesen sei. Eine solche Fragestellung wird von anderen sogleich zurückgewiesen mit dem Vorwurf, man wolle damit Putins Angriffskrieg rechtfertigen. Ähnlich im Falle des Terroranschlags der Hamas gegen Israel am 7. Oktober 2023: Ist nicht das harte Grenzregime oder die Siedlungspolitik der israelischen Regierung die Ursache für die Zuspitzung der Situation und schließlich die Angriffe der Hamas gewesen? Auch hier wird von der Gegenseite sogleich der Vorwurf oder wenigstens die Vermutung laut, man wolle mit solchen Fragen oder Thesen den Terror der Hamas rechtfertigen.

Die Beispiele ließen sich in Raum und Zeit ausdehnen. So werden die Ursachen für den Ausbruch von Kriegen gern in den ungerechten Lastverteilungen am Ende vorhergehender Kriege gesucht oder gesehen. Dass Trump sich gegenüber Europa so verhält, wie er es tut, wird damit erklärt, dass die europäischen Länder in den vergangenen Jahrzehnten nicht genügend an den Kosten der Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses beteiligt haben.

In den politischen Diskussionen spielt die Frage der Ursachen von Kriegen oder Krisen und Konflikten deshalb eine so große Rolle, weil sich damit ideal Freund-Feind-Grenzen konstruieren lassen: Wer Vorgeschichten und Kontexte ins Spiel bringt, relativiert die Verwerflichkeit des Handelns etwa von Putin oder der Hamas. Wer andererseits eine solche Kontextualisierung für die Bewertung der Schuld an Kriegen und Leiden zurückstellt, dem wird unterstellt, Gegner zu dämonisieren, um sie zu Feinden zu machen, die vernichtet werden müssen. Natürlich ist auch diese Strategie eine Feindkonstruktion, die der Zuspitzung des Konfliktes dient.

Die Philosophie kann hier deeskalierend wirken, nicht, indem sie einen Mittelweg sucht, sondern indem sie durch Begriffsklärung ein Sowohl-als-auch ermöglicht.

 

Täter und Ursachen im engeren Sinn

Militärische Angriffe und Terroranschläge sind Handlungen, die sich Personen zuordnen lassen. Sie bestehen aus vielen Einzelhandlungen einzelner Beteiligter, Soldaten in Panzern oder auf dem Schlachtfeld, Angehörige von Terrororganisationen, die Bomben zünden, Menschen erschießen oder Gefangene unwürdig behandeln. Die Beispiele erwecken schon den Eindruck, dass wir diese Handlungen unterschiedlich bewerten müssen: Es gibt Handlungen, zu denen Menschen sich frei entscheiden, und Handlungen, die unter Zwang, Druck und Gewaltandrohung ausgeführt werden. Auch der Soldat im Panzer könnte sich entscheiden, anzuhalten und den konkreten Vormarsch einzustellen – dies hätte allerdings unmittelbar lebensbedrohliche Konsequenzen für ihn. Aber auch ein Soldat, schon gar ein Terrorist, muss sich nicht an allen Gräueltaten beteiligen, beide haben auf dem Weg verschiedene Optionen, sich ohne Gefahr anders zu entscheiden.

Unter den freien Entscheidungen, die zu Taten wie Terroranschlägen und militärischen Angriffen führen, spielen diejenigen der Anführer, die die Befehle geben und die den Zwang und Druck aufbauen, sodass ihre Untergebenen wenig bis gar keinen Spielraum haben, eine besondere Rolle. Damit soll die Handlungsfreiheit der vielen Einzelnen nicht kleingeredet werden. Wenn wir aber nach den Ursachen etwa eines Krieges fragen, dann ist die Entscheidung desjenigen, der den Befehl zum Angriff gibt, besonders zu betrachten.

Niemand ist gezwungen, einen solchen Befehl zum Angriff, mit dem ein Krieg oder ein Terroranschlag beginnt, zu geben. Nichts macht die Situation ausweg- und alternativlos für ihn. Er entscheidet sich immer frei und kann sich immer auch anders entscheiden. Deshalb ist ihm diese Entscheidung moralisch auch voll zuzurechnen, und diese Entscheidung ist – im engeren Sinne – die Ursache des Geschehens. Ich werde ihn deshalb im Weiteren auch als den Täter bezeichnen. Keine Situation, keine Vorgeschichte führt zwingend zu einem Krieg, nur die Entscheidung, den Angriff zu befehlen, setzt mit Notwendigkeit dieses Geschehen in Gang – gesetzt, dass sich nicht ein großer Teil derer, die in der Ordnung des Befehlssystems stehen, verweigern, was natürlich ebenfalls mögliche Handlungen wären, die hier aber aus Platzgründen nicht diskutiert werden sollen.

Da also der Täter als Befehlshaber, der frei die Entscheidung zum Angriff trifft, die damit zur kausalen Ursache des tatsächlichen Angriffs wird, sich immer auch anders entscheiden könnte, kann seine Entscheidung für sich genommen moralisch bewertet werden. Für diese Bewertung mag man nach den Bedingungen fragen, unter denen die Entscheidung getroffen wurde, etwa eine äußere Bedrohung. Aber es gibt Entscheidungen, die man unter allen Bedingungen moralisch verurteilen wird: etwa ein militärischer Angriff auf ein anderes Land, von dem keine Gefahr ausging, oder ein terroristischer mörderischer Angriff auf Unschuldige und Wehrlose. Es gibt keine Bedingungen und keine Vorgeschichte, unter denen eine solche Entscheidung moralisch akzeptabel wäre. Vermutlich wird es Menschen geben, die das anders sehen, mit ihnen wäre dann eine weiterführende ethische Diskussion notwendig, die hier zurückgestellt werden soll.

Sinnvoll ist also, sich bei der Frage nach den Ursachen eines Krieges oder Terrorangriffs zunächst auf die freien Handlungen und Entscheidungen zu konzentrieren, die zwingend diese Ereignisse ausgelöst haben und ohne die es nicht so gekommen wäre. Es wäre gut, wenn man nur diese Handlungen als die eigentlichen Ursachen des Geschehens bezeichnen würde, aber leider hat die Philosophie keine Definitionsmacht über die Begriffe, die im Alltag, in der öffentlichen Debatte und in der gesellschaftlichen Diskussion benutzt werden – und vermutlich ließe sich auch innerhalb der Philosophie keine Einigkeit über den besten Begriff der Ursache erzielen. Jedenfalls lassen sich diese freien Handlungen moralisch bewerten und es gibt unter ihnen welche, die unter allen Bedingungen verurteilenswert sind.

 

Bedingungen jenseits von Ursachen

Dennoch ist es sinnvoll, nach diesen Bedingungen und nach dem Zustandekommen der Bedingungen zu fragen. Wenn man Terroranschläge oder kriegerische Angriffe in Zukunft vermeiden will, genügt es nicht, auf die moralische Besserung von Terroristenführern, Präsidenten oder militärischen Befehlshabern zu bauen. Natürlich kann man die Schlussfolgerung ziehen, dass man sich dann eben ganz auf die Verteidigungsfähigkeiten konzentrieren muss. Eine differenzierte Analyse der Situation, in welcher der Täter seine Entscheidung zum Angriff getroffen hat, und der Bedingungen, die er bei seiner Entscheidung berücksichtigt hat, können dennoch nützlich sein, um zukünftig ähnliche Situationen zu vermeiden.

Man könnte in diese Analyse die Ziele des Täters mit einbeziehen und etwa sagen: Wenn er seine Ziele auf einem anderen Wege als durch den Krieg oder Terror erreicht hätte, dann hätte er doch womöglich einen anderen Weg gewählt. Müssten wir nicht also auch diejenigen zu Mittätern erklären, die ihm das Erreichen seiner Ziele auf anderem Wege verbaut haben? Wir kommen dann um eine moralische Bewertung der Ziele und der Verwehrung der Zielerreichung nicht herum. Oft ist dies recht einfach, wenn man etwa sagt, dass die Vernichtung eines anderen Landes oder die Vertreibung anderer Menschen aus ihrer Heimat kein legitimes, moralisch gerechtfertigtes Ziel sein kann, das man zur Vermeidung von Tod und Leid zulassen könnte. Man wird in den konkreten gegenwärtigen und historischen Fällen dann Behauptungen über Ziele finden, die moralisch weniger oder gar nicht verwerflich sind, etwa die Verhinderung der Ausdehnung eines Militärbündnisses oder die Befreiung des eigenen Landes von einer Fremdherrschaft. Hier wird man dann eine Diskussion über Tatsachen und deren Bewertung zu erwarten haben – die allerdings in der moralischen Perspektive womöglich schon irrelevant ist, weil die Entscheidung des Täters nach moralischen Gesichtspunkten bereits entschieden verurteilt worden ist.

Dennoch verweist die Möglichkeit einer solchen Diskussion auf die Bedingungen der Situation, die durch Kontext und Vorgeschichte erklärt werden können. Es sind die Bedingungen, die es dem Täter wahrscheinlich erscheinen lassen, mit seiner Entscheidung zum Angriff erfolgreich zu sein. Zu diesen Bedingungen zählen zum einen die äußeren, die ihn in eine Position der Stärke bringen. Im Falle des Angriffs Russlands auf die Ukraine zählt dazu etwa die Vereinbarung des Budapester Memorandums von 1994, das den Abzug bzw. die Vernichtung der Atomwaffen regelte, die auf ukrainischem Boden stationiert waren. Hätte die Ukraine 2022 noch Atomwaffen auf ihrem Territorium gehabt, dann hätte Putin womöglich keinen Angriff gewagt. Eine andere Bedingung war die Abhängigkeit West- und Mitteleuropas von russischem Erdöl und Erdgas, die es wahrscheinlich machte, dass der Westen sich nicht oder nur schleppend und inkonsequent zur Unterstützung der Ukraine durchringen konnte.

Die Bedingungen, die von denen vorgebracht werden, die zumeist den Kontext und die Vorgeschichte in die Debatte einbringen wollen, sind allerdings anderer Natur. Es sind diejenigen Umstände, die der Täter zur Rechtfertigung seiner Entscheidung anführt und die er nutzen kann, um bei seinen Gefolgsleuten und in der Bevölkerung, aber auch bei äußeren potenziellen Sympathisanten, Unterstützung zu finden. Hierher gehören z.B. der Vertrag von Versailles, die Besatzungspolitik Israels in den palästinensischen Gebieten oder der Beitritt der baltischen Republiken zur NATO. Die Unterschiedlichkeit der Beispiele, die ich hier in einem Atemzug nenne, zeigt schon, dass das Urteil über die Frage, ob diese Ereignisse als Erklärungen für das weitere Geschehen gesehen werden können, sehr unterschiedlich ausfallen wird. Dies kann wiederum durch eine Diskussion über Tatsachen bestärkt oder geschwächt werden. Zudem können auf Basis einer solchen Debatte politische Strategien entwickelt werden, die tatsächliche Ungerechtigkeiten vermeiden oder die Möglichkeit reduzieren, dass Entscheidungen anderer Akteure dem Täter zum Vorwand dienen können.

Entscheidend ist: Solche Bedingungen, die der Täter zur Rechtfertigung nutzt, können zwar etwa Verständnis für ein Empfinden von Ungerechtigkeit bei den Betroffenen hervorbringen und somit erklären, warum sie den Täter unterstützen und ihm folgen. Sie können aber nicht als Ursachen für die Handlungen des Täters genommen werden, denn dieser kann unter den gegebenen Umständen immer frei handeln, er ist nie gezwungen, einen Terroranschlag oder einen kriegerischen Angriff zu befehlen.

Es zeigt sich: Eine moralische Verurteilung von Machthabern, die militärische Überfälle oder Terroranschläge befehlen, ist unabhängig von Bedingungen, Vorgeschichten oder Kontexten möglich, da die handelnden Personen frei entscheiden und tatsächlich die Verursacher des Kriegs, des Terrors, des Todes und Leidens Unschuldiger sind. Zugleich ist es möglich und sinnvoll, nach Vorgeschichten zu fragen und diese nach bestimmten Arten von Bedingungen zu durchsuchen, die den Angriff möglich gemacht, dem Täter Erfolgsmöglichkeiten verschafft oder Unterstützung in der Bevölkerung oder in der Welt verschaffen konnten.

Jörg Phil Friedrich studierte zuerst Physik und Meteorologie und später Philosophie. Er ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Heute arbeitet er zu Fragen der Religionsphilosophie, der Wissenschaftsphilosophie und der politischen Philosophie. Beim Verlag Karl Alber erschienen „Der plausible Gott“ und „Ist Wissenschaft, was Wissen schafft?“

 

Kolumne Reflexe
In seiner Kolumne Reflexe gibt Jörg Phil Friedrich regelmäßig Anregungen zur philosophischen Reflexion, die auf alltäglichen, politischen oder gesellschaftlichen Erfahrungen beruhen.

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