Künstliche Intelligenz in der kommunalen Klimaanpassung

24.02.2026

Künstliche Intelligenz in der kommunalen Klimaanpassung

Zu sehen ist der Header zum Thema Kommunalrecht, auf welchem die Autorin Lina Irscheid abgebildet ist

von Dr. Lina Irscheid

Extremwetterereignisse wie Starkregen oder Hitze stellen Kommunen zunehmend vor Herausforderungen. Überschwemmungen und die steigende Zahl hitzebedingter Todesfälle in den vergangenen Jahren zeigen, dass solche Ereignisse verfassungsrechtlich geschützte Rechtsgüter wie Leben, körperliche Unversehrtheit und Eigentum erheblich beeinträchtigen können. Maßnahmen des Klimaschutzes zur Verringerung von Treibhausgasemissionen reichen allein nicht aus, um diesen Risiken zu begegnen. Ergänzend sind Maßnahmen der Klimaanpassung erforderlich, die darauf abzielen, negative Auswirkungen bereits eingetretener oder künftig zu erwartender Folgen des Klimawandels zu verhindern oder zumindest abzumildern.
 
Die Auswirkungen von Extremwetterereignissen hängen stark von lokalen Gegebenheiten ab, da meteorologische Größen mit den städtebaulichen Strukturen vor Ort wechselwirken. So beeinflusst etwa der Versiegelungsgrad, ob und wie viel Regenwasser bei Starkregen versickern kann, während die Vegetation maßgeblich dazu beiträgt, dass Schatten bei Hitze zur Verfügung steht. Eine wirksame Reaktion setzt daher eine ortsspezifische Planung voraus. Diese erfolgt im Rahmen der kommunalen Klimaanpassungsplanung.

Potenziale KI-basierter Vorhersagen für die Klimaanpassung

Grundlage einer wirksamen Klimaanpassungsplanung sind belastbare Prognosen. Sie müssen zeigen, wo Anpassungsbedarf besteht und welche Wirkungen konkrete Maßnahmen entfalten. Erforderlich sind sowohl hochaufgelöste als auch flächendeckende Vorhersagen. Eine hohe räumliche Auflösung ist notwendig, um kleinräumige Zusammenhänge erfassen zu können, etwa den Einfluss des Schattenwurfs einzelner Bäume auf den thermischen Komfort, also die empfundene Hitzebelastung. Zugleich müssen Vorhersagen flächendeckend vorliegen, da Maßnahmen auch über räumliche Grenzen hinweg wirken können. So können Maßnahmen zur Förderung des Luftaustauschs auch Hitzeeffekte in anderen Teilen der Kommune mindern.
 
Derzeit werden hochaufgelöste Vorhersagen mithilfe physikalischer Modelle erstellt. Diese liefern die erforderliche Genauigkeit, sind jedoch so rechenintensiv, dass sie nicht flächendeckend erstellt werden können.
 
Vor diesem Hintergrund gewinnen KI-basierte Vorhersagen an Bedeutung. Insbesondere künstliche neuronale Netze können physikalische Modellierungen approximieren und hochaufgelöste Prognosen deutlich schneller erzeugen. Dadurch werden flächendeckende Vorhersagen für die kommunale Klimaanpassungsplanung möglich. Zudem bieten KI-Systeme zusätzliche Funktionen, etwa die Darstellung von Prognoseunsicherheiten oder die Optimierung geplanter Maßnahmen.

Von der technischen Möglichkeit zur rechtssicheren Nutzung: Rechtliche Anforderungen an KI-basierte Vorhersagen

Die Entwicklung und Anwendung solcher Systeme sind jedoch mit rechtlichen Risiken verbunden. Es wird daher untersucht, welche rechtlichen Anforderungen an KI-basierte Vorhersagen in der kommunalen Klimaanpassungsplanung zu stellen sind und wie eine rechtssichere Nutzung dieser Systeme gewährleistet werden kann. Dabei werden aktuelle Rechtsentwicklungen, insbesondere die EU-KI-Verordnung (AI-Act), das Klimaanpassungsgesetz des Bundes sowie Reformbestrebungen im Baugesetzbuch, einbezogen.
 
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die Herleitung eines rechtlichen Prüfungsmaßstabs aus dem geltenden Recht. Ausgehend von der Rechtsprechung zum Fachplanungsrecht werden vier Kernanforderungen an Prognosen identifiziert, auf KI-basierte Vorhersagen übertragen und um klimaanpassungsspezifische Aspekte ergänzt. Dieser Maßstab wird auf drei KI-Systeme in den Bereichen Hitze, Starkregen sowie Wind bzw. Sturm angewendet. Untersucht werden insbesondere datenschutzrechtliche Anforderungen, entwicklungs- und anwendungsspezifische Unsicherheiten, Diskriminierungsrisiken sowie Ursachen und Folgen von Intransparenz.
 
Die Ergebnisse werden in einem Regulierungsvorschlag zusammengeführt. Dieser verbindet allgemeine, technologie- und methodenneutrale Anforderungen mit methodenspezifischen Vorgaben und schafft so einen Rahmen für eine innovationsoffene und zugleich rechtssichere Nutzung KI-basierter Vorhersagen in der kommunalen Klimaanpassungsplanung.

 

 

Dr. Lina Irscheid promovierte an der Universität Freiburg im Rahmen des vom BMUV geförderten interdisziplinären KI-Leuchtturmprojekts „Intelligence for Cities (I4C): KI-basierte Anpassung von Städten an den Klimawandel“. Ihr Werk Künstliche Intelligenz in der Kommunalen Klimaanpassung ist aktuell im Nomos Verlag erschienen.