Die Herausgeber über ihr neues Werk
Das Internet der Dinge, Big Data, Drone Media, Künstliche Intelligenz, Mobile GIS, Sensored Life: Geodaten erfassen zunehmend unser Alltagsleben und den Wissenschaftsdiskurs. Das Handbuch Mediengeographie bietet einen umfassenden Überblick zu aktuellen Forschungsfragen, die sich entlang des Schnittfelds von Geographie und Medien entfalten. Die Herausgeber Prof. Dr. Tristan Thielmann und Max Kanderske, M.A. unterhielten sich mit unserem Verlag – erfahren Sie mehr über Werk, Mitwirkung und Aktualität im Interview:
Die Medienlandschaft verändert sich rasant, nicht zuletzt durch KI. Ihr Handbuch gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand der Mediengeographie. Ging es Ihnen dabei vor allem um eine Bestandsaufnahme der letzten Jahre, um künftige Entwicklungen besser reflektieren zu können, oder stand eher die Analyse der bisherigen und gegenwärtigen Entwicklungen im Vordergrund?
Max Kanderske: „Gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen lassen sich kaum glaubwürdig einschätzen, ohne sie vorher historisch zu verorten. Das Handbuch muss dementsprechend den Anspruch haben, beides zu leisten. Mit diesem Ziel vor Augen haben wir auch die Textauswahl getroffen. So haben wir einerseits Beiträge versammelt, die die historische Entwicklung einzelner Gegenstandsbereiche abdecken, beispielsweise die von Sebastian Gießmann skizzierte Geschichte der mediengeographischen Beschäftigung mit dem Internet, die gegenwärtig in die KI-Geographie mündet. Andere Beiträge wiederum geben gezielt einen Überblick über aktuell emergierende Felder der Mediengeographie, wie etwa mehr-als-menschliche Geographien, die vor dem Hintergrund des Anthropozäns Tiere oder die Sorge um ganze Ökosysteme in den Vordergrund rücken. Neben diesen gegenstandsbezogenen Beiträgen soll das Handbuch auch die theoretische Basis der Mediengeographie erweitern. Das geschieht durch die Integration von Konzepten aus den Science and Technology Studies, aber auch aus der Kultur- und Sozialanthropologie.“
Neue Medien und Technologien – einschließlich digitaler Spielwelten – werden oft schnell von jungen Nutzerinnen und Nutzern erprobt und in der Universität kritisch reflektiert. Welche Bedeutung hatten Diskussionen mit Studierenden in Seminaren, auf Konferenzen oder in Projekten für die Konzeption und Ausrichtung des Handbuchs?
Tristan Thielmann: „Durch die gemeinsame Arbeit in Seminaren, insbesondere aber auch durch die Konzeption von Haus- und Abschlussarbeiten haben sich natürlich die Interessen der Studierenden in das Handbuch eingeschrieben. Anders wäre es für ein Handbuch, das als Ressource für die Lehre konzipiert ist, auch kaum vorstellbar. Auch in der Mediengeographie stehen besonders popkulturelle Phänomene, wie sie durch die Film- und Computerspielgeographie abgedeckt werden, bei Studierenden hoch im Kurs. Diese lassen sich als Sprungbrett für die theoretische Auseinandersetzung nutzen, etwa wenn man von Spielen wie Pokémon Go oder aktuellen Virtual-Reality-Brillen ausgehend das grundsätzliche Verhältnis von Online- und Offline-Räumen oder die navigatorische Praxis innerhalb digitaler Spielwelten diskutiert. Die Konzeption von Lehre und Lehrmitteln ist immer ein iterativer Prozess. Während der letzten Redaktionsschleife konnte ich das Handbuch bereits unter den Realbedingungen einer Mediengeographie-Vorlesung testen. Daher bin ich sehr optimistisch, dass den Studierenden mit diesem Handbuch eine zentrale Grundlage für ihr medienwissenschaftliches und geographisches Studium zur Verfügung steht.“
Und zum Schluss: Welche Themenfelder der Mediengeographie gewinnen aus Ihrer Sicht aktuell besonders an Bedeutung?
Max Kanderske: „Gegenwärtig scheinen in erster Linie Silicon Valley-Technologien für das Aufkommen neuer mediengeographischer Betätigungsfelder verantwortlich zu sein. Automatisierte Lokalisierungs-, Kartierungs- und Navigationsvorgänge sind im Begriff, verschiedene Lebensbereiche tiefgreifend umzugestalten. Denken Sie etwa an Drohnen, Roboter oder autonome Fahrzeuge, deren Funktionieren davon abhängt, sich in spezifischen räumlichen Gegebenheiten zurechtfinden. Eng damit verbunden ist der Bereich der KI-Geographie, der zukünftig eine große Rolle spielen wird, nicht zuletzt um fundierte Kritik an den materiellen Erfordernissen KI-getriebener Technologien formulieren zu können. Denn die wirtschaftlichen und umweltlichen Auswirkungen des Rechenzentrums-Booms sind enorm: immense Energie- und Wasserverbräuche, lokale Temperatursteigerungen durch Abwärme und dergleichen mehr. Gleichzeitig werden umweltschädliche, gefährliche und schlecht entlohnte Arbeiten, wie der Abbau seltener Erden oder die Annotation von Datensätzen, die zum KI-Training verwendet werden, in den globalen Süden ausgelagert. Vor dem Hintergrund der jüngsten Bestrebungen, Datenzentren im Orbit zu stationieren und dem Einsatz von StarLink als Kriegswerkzeug in der Ukraine, wird die Weltraumgeographie vermutlich ebenfalls an Bedeutung gewinnen.“
Das Werk ist Teil der Reihe NomosHandbuch | NomosHandbook und erscheint noch in diesem Monat.