Quo vadis, Demokratie?Tag der Demokratiegeschichte 2026

18.03.2026

Quo vadis, Demokratie?
Tag der Demokratiegeschichte 2026

Ein Banner vom Newsletter Quo Vadis Demokratie mit dem Porträt der Beiträgerin Dr. Julia Reuschenbach

Im Gespräch mit Dr. Julia Reuschenbach

Demokratie entsteht nicht im Konsens – sie entwickelt sich in Konflikten, Aushandlungsprozessen und gesellschaftlichen Umbrüchen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass politische Teilhabe, Freiheitsrechte und parlamentarische Verfahren immer wieder neu erkämpft, verteidigt und weiterentwickelt werden mussten.

Anlässlich des erstmals begangenen Tags der Demokratiegeschichte am 18. März 2026 spricht Quo vadis, Demokratie?  mit Dr. Julia Reuschenbach über prägende Momente der deutschen Demokratiegeschichte, über die Herausforderungen politischer Debatten in einer digitalisierten Öffentlichkeit und über die Frage, wie Beteiligung, politische Bildung und wissenschaftliche Einordnung dazu beitragen können, demokratische Kultur zu stärken.

Der 18. März wird 2026 erstmals bundesweit als „Tag der Demokratiegeschichte“ begangen. Welche historischen Ereignisse sind aus Ihrer Sicht besonders prägend für unser demokratisches Selbstverständnis und warum?

Der 18. März wurde ja nicht ohne Grund gewählt. Er markiert historisch viele wichtige Ereignisse der Demokratiegeschichte, etwa den Tag der Märzrevolution 1848, das Scheitern des Kapp-Putsches gegen die Weimarer Republik 1920 oder den Tag der einzigen freien Wahl der Volkskammer in der DDR am 18. März 1990. Sie prägen die erzählte Demokratiegeschichte und sind für viele, die sich für Demokratie und Mitbestimmung einsetzen wichtige Bezugspunkte der eigenen Arbeit. Daneben gibt es aber viele weitere Ereignisse, die für Menschen bedeutsam sind: etwa das Inkrafttreten des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 und natürlich die Ereignisse rund um die Friedliche Revolution in der DDR, also die großen Demonstrationen am 8. Oktober 1989 in Leipzig, am 4. November in Ost-Berlin und dann natürlich auch der Fall der Mauer am 9. November 1989. Die Vielfalt der Ereignisse macht deutlich, wie vielfältig Demokratie ist und wie wichtig vielfältige Bezugspunkte für sie sind.

 

Demokratiegeschichte erzählt nicht nur von Erfolgen, sondern auch von Auseinandersetzungen und schwierigen Wegmarken. Wie kann der Blick in die Geschichte helfen, heutige politische Meinungsverschiedenheiten fair auszutragen und demokratische Spielregeln zu stärken?

Ereignisse der Demokratiegeschichte sind häufig Momente großer Spannungen, Unsicherheiten oder gar Revolutionen gewesen. Sie waren also nicht selbstverständlich. Daran erinnern wir, an die Fähigkeit von Menschen, Dinge zu verändern und das bestenfalls friedlich zu tun. Der Blick in die Geschichte macht deutlich, dass demokratischer Fortschritt bedeutet, dass es im Moment solcher Umbrüche und insbesondere danach aber vor allem darauf ankommt, dass konflikthafte Positionen ausgehandelt werden müssen. Die Demokratie lebt von Interessenausgleich, Aushandlungsprozessen und Kompromissen. Dabei muss und darf gestritten werden, aber das sollte immer mit dem Ziel verbunden sein, einen konstruktiven Streit im Sinne einer Lösungsorientierung zu führen.

 

Politische Kommunikation findet heute unter veränderten medialen Bedingungen statt – schneller, öffentlicher und digitaler. Wie beeinflusst das die Regeln politischer Auseinandersetzung und die Funktionsweise unserer repräsentativen Demokratie?

Die Beeinflussung ist erheblich. Bürger:innen wie Abgeordnete sind heute selbst unmittelbare Sender:innen in einer enorm fragmentierten Öffentlichkeit, die stark von Empörung, Skandalisierung und Personalisierung geprägt wird. Das macht das Werben um die Fähigkeit zum Kompromiss und die bisweilen mühsamen Prozesse demokratischer und deliberativer Verfahren schwieriger. Die starke Zuspitzung von Debatten in ein „Dafür vs. Dagegen“, an der auch „die Politik“ nicht unschuldig ist, erschwert die Akzeptanz politischer Entscheidungen. Hinzu kommt, dass eine zunehmende affektive Polarisierung, also Lagerbildung und Freund-Feind-Denken Anti-Establishment-Erzählungen Vorschub leistet. Es ist erheblich erschwert den Wert zu sehen, wenn besonders konfligierende Positionen in eine gemeinsame Lösung überführt werden. Stattdessen heißt es häufig „die stecken ohnehin alle unter einer Decke“, womit die Fähigkeit zur Kompromissfindung entwertet wird. Kompromisse gelten für viele Menschen so als Verrat oder Prinzipienlosigkeit.

 

Demokratie ist auf Beteiligung angewiesen. Was braucht es heute, damit Bürgerinnen und Bürger sich informiert, wirksam und ernst genommen fühlen?

Aufrichtiges Interesse scheint mir das Wichtigste zu sein. Verfahren wie Bürgerräte dürfen nicht nur gemacht werden, weil es modern klingt, sondern sie brauchen Ernsthaftigkeit, vor allem in der Anerkennung für die Beteiligten und die Ergebnisse. Wir alle wünschen uns, dass uns nicht aus Höflichkeit zugehört wird oder gar vorgegaukelt wird, dass man an unserer Position und unseren Gedanken Interesse hat. Das gilt ebenso für alle Beteiligungsverfahren. Zugleich sehen wir z.B. aus Beteiligungsverfahren in der Energiewende, dass Beteiligung dazu führt, dass man besser „aushalten“ kann, wenn Gegenteiliges beschlossen wird. Und Informiertheit setzt voraus, dass Medienberichterstattung etwa Gesetzesvorhaben nicht nur als Scheitern oder Erfolg von Beteiligten diskutiert, sondern vor allem aus Sicht der Betroffenen.

 

„Quo vadis Demokratie?“ steht unter der Leitidee, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist, sondern aktiv verteidigt werden muss und dass Wissenschaft, Wissen und Bildung dafür zentrale Pfeiler sind. Welche Rolle sollten Forschung, politische Bildung und historisches Wissen künftig spielen, um Freiheit und Demokratie dauerhaft zu sichern?

Es gibt in den letzten Jahren eine wahnsinnig große Nachfrage nach Einordnung und Orientierung durch Wissenschaft. Diesem Wunsch sollten wir bestmöglich nachkommen und uns einbringen in Debatten und Politik und Öffentlichkeit möglichst vielfältige Wege bieten, um unsere Forschungserkenntnisse für sie zugänglich zu machen. Politische Bildung gilt leider immer noch viel zu oft als Feuerlöscher, wenn es mal wieder brennt. Es ist überfällig, dass wir politische Bildung gerade dort, wo sie immer noch viel zu wenig existiert (z.B. in berufsbildenden Schulen, in Betrieben), aber auch darüber hinaus, strukturell finanziell absichern und so verstetigen. Politische Bildung ist kein Tagesworkshop, sondern wird besonders dann wirksam, wenn sie dauerhaft wirken kann. Das gilt übrigens für Bildung insgesamt. Kein anderer Aspekt tritt bei der Erforschung von Vertrauensverlusten in die Demokratie und ihre Institutionen, bei Medienskepsis, wirtschaftlicher Absicherung oder auch beim Glauben an Verschwörungstheorien so stark hervor wie die Relevanz von Bildung.

Unsere Beiträgerin

Dr. Julia Reuschenbach ist Senior Lecturer für Sozialwissenschaften an der Universität Hamburg. Sie wurde in Bonn 2022 mit einer Arbeit über Geschichtspolitik als Politikfeld promoviert, die bei Nomos erschien. Im Anschluss war sie u.a. Referentin in der Stiftung Berliner Mauer und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Parteien, Wahlen, Demokratie und politische Kommunikation. 2024 veröffentlichte sie zusammen mit dem Journalisten Korbinian Frenzel das Buch „Defekte Debatten. Warum wir als Gesellschaft besser streiten müssen“ im Suhrkamp Verlag.

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