NOESIS
Ethik als normative Grundierung der Zwillingstransformation

23.01.2026

NOESIS
Ethik als normative Grundierung der Zwillingstransformation

Zu sehen ist ein Banner vom Newsletter Noesis mit dem Beiträger Prof. Dr. Dr. Alexander Brink

Ein Beitrag von Prof. Dr. Dr. Alexander Brink

Prof. Dr. Dr. Alexander Brink zeigt in dem folgenden Beitrag, dass Ethik im Zeitalter der digitalen und nachhaltigen Transformation eine zentrale Orientierungs- und Gestaltungsfunktion hat. Am Beispiel von Fairness in KI-Systemen erläutert er, wie philosophische Prinzipien, rechtliche Regulierung und organisationale Governance zusammenspielen müssen, um verantwortliche und menschenzentrierte Entscheidungen zu ermöglichen. Ethik wird dabei als praktische Ressource verstanden, die über bloße Regelbefolgung hinausgeht und aktive Verantwortung einfordert.

Ein Plädoyer für Fairness in Zeiten Künstlicher Intelligenz

1. Normativität im Horizont doppelter Transformation

Die gegenwärtige Transformationsdynamik westlicher Gesellschaften ist wesentlich durch die zeitliche und sachliche Koinzidenz zweier tiefgreifender Umbrüche geprägt: der digitalen und der nachhaltigen Transformation. Wir verwenden für diese doppelte Veränderungsdynamik den Begriff der Zwillingstransformation. Beide Prozesse entfalten eine strukturell vergleichbare Wirkung: Sie verflüssigen bestehende Ordnungen und erzeugen neue Verantwortlichkeitsräume. War die Bestimmung des guten und schlechten Handelns in der realen Welt schon herausfordernd, verkompliziert sich diese Erkenntnis in der digitalen Welt um ein Vielfaches. Denn es geht nicht nur um eine neue Ethik des bzw. im Digitalen, sondern gerade um die Grenzbereiche analoger und digitaler Realitäten. Es ist daher eine der zentralsten Herausforderungen der Zukunft, neuartige Formen kollektiver Orientierung zu entwickeln, sie den Menschen zu vermitteln und letztlich wirksam in die Praxis umzusetzen.

Ethik kommt damit auf den Prüfstand. Sie wirkt nicht länger ausschließlich retrospektiv oder kritisch, sondern zunehmend prospektiv und gestaltungsorientiert. Dabei stellt sie begriffliche, konzeptionelle und normative Ressourcen bereit, um die Zwillingstransformation in einen kohärenten Rahmen einzuordnen. Dazu bedarf es einer soliden philosophischen Substanz. Zugleich ist eine verständliche, am gesunden Menschenverstand orientierte Argumentation erforderlich, die mit dem Anspruch verbunden ist, Ethik in konkrete Gestaltungspraxis zu überführen und damit alltagstauglich zu machen.

Der im Band Fairness in Zeiten Künstlicher Intelligenz dokumentierte Diskurs, der Inhalte der Berliner Konferenz #CDRK25 nachzeichnet und weiterentwickelt, zeigt exemplarisch, wie dringend solche normativen Rekonstruktionen benötigt werden, wenn beispielsweise algorithmische Systeme zunehmend lebensweltliche Entscheidungen beeinflussen und neue Ungleichheitspotenziale generieren.

 

2. Fairness gibt Orientierung

Innerhalb der digitalen Transformation fungiert Fairness als ein interdisziplinäres Orientierungsprinzip, das ethische, rechtliche und technische Perspektiven normativ miteinander verbindet. Der Band zeigt, dass Fairness weder auf formale Kriterien noch auf rein statistische Paritätskonzepte reduziert werden kann. Vielmehr eröffnet sich ein komplexes Spannungsfeld zwischen mathematischer Modellierung, rechtlicher Normativität und moralphilosophischer Begründung. Fairness markiert dabei die Differenz zwischen technisch möglichen und normativ zulässigen Entscheidungen. Algorithmische Systeme können Korrelationen erzeugen, doch ob diese Korrelationen als gerecht, angemessen oder diskriminierend gelten, ist eine normative Frage, die sich nicht – zumindest noch nicht – allein aus der Logik des Systems heraus beantworten lässt. Normativität steht am Anfang jeglicher Transformation – erst recht, wenn der Mensch sie gestalten und kontrollieren will!

In Anlehnung an rawlssche, kantianische und diskursethische Gerechtigkeitstheorien, wie sie im Band unter anderem in Ansätzen reflektiert werden, lässt sich Fairness als ein Prinzip interpretieren, das verlangt, dass Entscheidungen öffentlich rechtfertigbar, nicht willkürlich und für Betroffene nachvollziehbar sein müssen. Ein hoher Anspruch im Zeitalter von Falschinformationen und Hate Speech!

 

3. Ethik als Governance-Ressource

Bemerkenswert ist der im Band nachvollziehbare Paradigmenwechsel, den viele Autor*innen teilen: Ethik wird nicht mehr lediglich als reflexive Begleitdisziplin verstanden, sondern avanciert zu einer Governance-Ressource, die Organisationen methodische und prozedurale Orientierung bietet. Beispiele hierfür sind:

  • das CDR-Reifegradmodell, das Organisationen befähigt, normative Anforderungen systematisch in Strukturen und Prozesse zu überführen;
  • verschiedene Evaluationsinstrumente, etwa die Diversity-Folgenabschätzung, die darauf zielt, implizite Bias-Strukturen entlang digitaler Wertschöpfungsketten frühzeitig sichtbar zu machen;
  • Leitfäden zur Entwicklung fairer KI-Systeme, die bereits in der Entwicklungsphase normative Kontrollpunkte etablieren.

Die Corporate Digital Responsibility (CDR)-Initiative des BMJV hat seit 2018 bis heute maßgeblich zu dieser Erkenntnis beigetragen, Ethik in operative Praktiken zu überführen und als organisationskulturelle Ressource zu etablieren. Unsere Mitgliedsunternehmen sowie die Entwicklungs- und Themenpartner teilen die Überzeugung, dass normative Begründung, Orientierung und Lösungskompetenz – ökonomisch gesprochen – ein zentrales Differenzierungsmerkmal von Produkten und Dienstleistungen darstellen. Allein deshalb sind Unternehmen im Kontext der digitalen Transformation gut beraten, in Ethik zu investieren. Und zwar konsequent. Unsere CDR-Partner haben das verstanden. Sie leisten damit zugleich einen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft.

Das setzt Wettbewerbsfähigkeit voraus – was sonst? Und die ist dringend notwendig. Wir brauchen nach drei Jahren Stagnation wieder ein gesundes Wachstum. Zugleich werden wir durch Ethik resilienter, vielleicht sogar – folgt man dem Essayisten Nassim Nicholas Taleb – antifragiler. Das ist ein feiner Unterschied: Aus der „bloßen Widerstandskraft“ gegen innere und äußere Transformationsimpulse wird ein „Besserwerden“, ein „Haltung zeigen“. Ethik wird zum Prototyping. Antifragilität ist daher eine der zentralen korporativen Charaktereigenschaften im aktuellen globalen Spannungsfeld Europas zwischen den USA und China: Es geht um die viel beschworene digitale Souveränität. Auch die hat Hochkonjunktur.

Ethik wird folglich eben nicht „externalisiert“, sondern sie wird im Inneren organisationaler Entscheidungsprozesse verankert. Die Renaissance einer Governanceethik, wie sie der Wirtschafts- und Unternehmensethiker Josef Wieland schon vor ca. 25 Jahren fundiert hat, blüht gerade in der von ihm neu vorgeschlagenen relationalen Ökonomie neu auf. AI Governance analog zum AI Act der Europäischen Union ist die notwendige und sinnvolle Konsequenz aus dieser Entwicklung. Ethik wird von der Haltung in den Prozess teilverlagert. Allerdings sind diese beiden Diskurse noch nicht zusammengeführt. Wirtschaftsethisch geht es um das alte Spannungsfeld zwischen Individual- und Institutionenethik und den moralischen Akteurscharakter von Unternehmen.

 

4. Menschenzentrierung steht im Fokus

Sowohl die nachhaltige als auch die digitale Transformation erfordern die Fähigkeit, die Langzeitfolgen organisationalen Handelns zu erkennen und zu bewerten. Das ist Verantwortungsethik im besten Sinne. Unter diesem Aspekt fungiert Ethik als Integrationsdisziplin, die disparate Anforderungen einzelner Disziplinen, unterschiedliche Branchen wie auch plurale Meinungen auf ein gemeinsames normatives Fundament zurückführt. Die normative Orientierung sollte dabei nicht additiv, sondern holistisch erfolgen. Das ist keine Esoterik, sondern die Renaissance eines anthropologischen Verständnisses, das den Menschen in seiner Gesamtheit betrachtet. Kant prägt dafür den Begriff „Zweck an sich“ – und sieht den Menschen eben nicht bloß als Mittel. Philosophische Vorgänger Kants wie Aristoteles sprechen vom „zoon politicon“, vom Menschen als Gemeinschaftswesen, Nachfolger wie Jürgen Habermas von der Anerkennung des anderen in seiner Andersartigkeit. Man könnte sagen: othering is out – im Analogen wie im Digitalen.

Digitalisierung ohne Menschenzentrierung würde Effizienzgewinne ohne Legitimität erzeugen: Das haben die radikalen Digitalisierungsbefürworter nicht verstanden. Menschenzentrierung ohne Digitalisierung verweigert sich jedoch den Potenzialen datenbasierter Steuerung: Das haben die radikalen Digitalisierungsskeptiker nicht verstanden. Die Dinge müssen – wie vieles andere auch – jedoch zusammengedacht werden.

 

5. Verantwortung in technisierten Handlungskontexten

Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Kontext die Frage nach der Zurechnung von Verantwortung. Einige Beiträge weisen darauf hin, dass klassische Modelle individueller Verantwortung kaum geeignet sind, um die komplexen Interdependenzen von Mensch und KI-System adäquat zu beschreiben. Entscheidungen entstehen in hybriden Handlungskonstellationen: So generieren Modelle Vorhersagen, Menschen interpretieren Resultate, Regulatoren setzen Rahmenbedingungen und Organisationen – die hier im Kontext von Corporate Digital Responsibility im Fokus stehen – strukturieren Prozesse. Verantwortung wird somit polyzentrisch.

Philosophisch gesprochen entsteht eine Ethik zweiter Ordnung: eine Ethik, die nicht nur individuelle Handlungen beurteilt, sondern die institutionellen und technischen Voraussetzungen moralisch zulässigen Handelns selbst gestaltet. Ethiker*innen sind deshalb (auch) Designer*innen. Architekten der Zukunft. Dies ist die zentrale Pointe einer „systemischen Verantwortungsethik“, die der Band – wenn auch nicht explizit – auf unterschiedliche Weise leise ins Spiel bringt.

 

6. Recht als positivierte Ethik: Der AI Act

Einige Autor*innen interpretieren den AI Act zutreffend als eine positivierte Form ethischer Prinzipien. Der AI Act formuliert Mindeststandards, die auf normative Grundierungen wie Transparenz, Nicht-Diskriminierung oder menschliche Aufsicht zurückgeführt werden können. Er ist dabei weder reine Technikregulierung noch bloßes Verbraucherschutzrecht, sondern eine Grundrechtearchitektur, die algorithmische Systeme in den Rahmen europäischer Werte einbettet. Recht und Ethik müssen enger zusammenrücken. Doch rechtliche Mindeststandards können normative Orientierung nur begrenzt ersetzen: Das Recht schafft Pflichten, die Ethik eröffnet Reflexions- und Innovationsräume. Sie schafft freiheitliche, innovative Märkte, auf die die Wirtschaft angewiesen ist. Nur so kommen wir fair aus der Krise.

Die legitime Gestaltung digitaler Systeme kann nicht in der Befolgung gesetzlicher Vorgaben allein aufgehen. Erst recht nicht deren unverstandene blinde Befolgung. Kant fordert den Menschen auf, sich von den Ketten der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Bürokratieabbau, Omnibuspakete und Vereinfachungen der nationalen wie europäischen Gesetzgeber, wie wir sie in den letzten Wochen und Monaten beobachten, sind daher folgerichtig. Sie erfordern aber zugleich eine übergesetzliche Haltung, eine philosophisch grundierte Bereitschaft, Verantwortung nicht nur zu erfüllen, sondern zu übernehmen. Ownership muss wieder erlernt werden. Das ist auch ein Generationenproblem. Verantwortung ist der Preis der Freiheit.

 

7. Die Rolle des CDR Quick Checks: Normative Positionsbestimmung

Der CDR Quick Check stellt ein pragmatisches Beispiel für die methodische Übersetzung normativer Erwartungen in organisationales Handeln dar. Er dient der Selbstdiagnose – kantianisch gesprochen der korporativen Aufklärung und ermöglicht es Organisationen,

  • normative Blindstellen frühzeitig zu identifizieren,
  • Reifegrade zu bestimmen,
  • systematische Weiterentwicklung anzustoßen,
  • Prioritäten im Sinne verantwortlicher Digitalität zu setzen.

Damit fungiert der CDR Quick Check als Operationalisierung abstrakter philosophischer Prinzipien, ohne ihren normativen Kern zu verlieren. Er zeigt, wie Ethik in die Form von Fragen, Kriterien und Bewertungsmatrizen überführt werden kann – ohne zu technokratisieren. Dazu orientiert er sich eng an den gemeinsamen CDR-Prinzipien und dem CDR-Kodex, den Vorreiterunternehmen wie Deutsche Telekom, Zalando, Markgraf, ING Bank, OTTO und andere bereits befolgen und in den letzten Jahren mitentwickelt haben. Auch unsere Entwicklungspartner Cornelsen, Hakro, ALH Gruppe u.a. machen sich auf den Weg. Das alles ist erst der Anfang. Und wir suchen weitere Mitstreiter!

Der Band Fairness in Zeiten Künstlicher Intelligenz verdeutlicht, dass Fairness zum Kristallisationspunkt eines neuen Verständnisses von Verantwortung wird, das der digitalen wie der ökologischen Zukunft gleichermaßen angemessen ist. So verstanden ist Ethik nicht nur Lametta der Zwillingstransformation, sondern deren innerster Kern.

 

CDR-Initiative

Die Corporate Digital Responsibility (CDR)-Initiative widmet sich der Frage, wie digitale und nachhaltige Transformation normativ verantwortlich gestaltet werden können. Im Fokus stehen ethische Leitbegriffe wie Fairness, Verantwortung, Transparenz und Nachhaltigkeit, insbesondere im Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Die Initiative versteht sich als offenes Forum zur Reflexion und Orientierung – für Organisationen, die ihre digitale Praxis bewusst an gesellschaftlichen Werten ausrichten möchten.

CDR-Quick Check

Der CDR-Quick Check bietet eine niedrigschwellige Möglichkeit, das eigene Handeln im Kontext digitaler Technologien und KI systematisch zu reflektieren. In ca. 30 Minuten werden zentrale Fragen der Corporate Digital Responsibility sichtbar gemacht – als Ausgangspunkt für verantwortungsvolle Entscheidungen und weiterführende Diskussionen. Teilnehmer erhalten im Nachgang einen kleinen Bericht.

Lesetipp

Brink, A. (Hrsg.): Fairness in Zeiten Künstlicher Intelligenz, NOMOS: Baden-Baden. Open Access

Über den Autor

Prof. Dr. Dr. Alexander Brink ist Universitätsprofessor für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Universität Bayreuth, Gründungspartner der CONCERN GmbH mit Sitz in Köln und wissenschaftlicher Berater der CDR-Geschäftsstelle des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz in Berlin. Seit über zwei Jahrzehnten lehrt und forscht er im „Philosophy & Economics“-Programm und leitet seit 2021 das iLab Ethik und Management. Der Autor und Herausgeber von über 350 Veröffentlichungen berät namhafte Unternehmen. Brink plädiert für eine Blue-Ocean-Strategie im Zeitalter der Digitalisierung und betont die Bedeutung von Werten zur Bewältigung der Zwillingstransformation von Nachhaltigkeit und Digitalisierung.

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