Wertvoller Sozialstaat

14.04.2026

Wertvoller Sozialstaat

Zu sehen ist der Header zum Thema Sozialrecht und Sozialwesen mit dem Autor Dr. Jonas Pieper

von Dr. Jonas Pieper

Die Zukunft des Sozialstaats ist derzeit in aller Munde. Dabei ist in der öffentlichen und politischen Debatte eine bestimmte Erzählung häufig zu hören: Der Sozialstaat sei zu teuer, nicht mehr finanzierbar, ein Klotz am Bein einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft. Diese Darstellung ist nicht nur einseitig, sie rückt auch die tägliche ehrenamtliche und hauptamtliche Arbeit von Millionen Menschen, die den Sozialstaat mit ihrem Engagement mit Leben füllen, in ein schlechtes Licht. Die Erzieherin in der Kita, der Pfleger in der Tagespflege oder die Rentnerin, die ehrenamtlich in der Tafel hilft – sie alle tragen zu einem Netz aus sozialen Angeboten bei, das die Voraussetzung dafür ist, dass unsere Gesellschaft funktioniert und zusammenhält.
 
Sie leisten dies im Rahmen des Sozialstaats, der zweifellos eines Updates und einer Modernisierung bedarf. Denn zu viele sozialstaatliche Prozesse sind zu kompliziert und dauern zu lange. So entstehen unnötige Kosten in der Verwaltung und soziale Bedarfe und Ansprüche bleiben unerfüllt. Dabei ist der Sozialstaat keine Last, sondern eine wertvolle Errungenschaft. Er ist eine Grundlage für sozialen Frieden, wirtschaftliche Teilhabe und demokratische Stabilität. Gerade deshalb kann und muss er bürgerfreundlicher und zugänglicher werden.

Große Unterstützung in der Bevölkerung

Um diese Perspektive in der öffentlichen Diskussion zu stärken, haben sich 14 zivilgesellschaftliche Organisationen mit zusammen über 20 Millionen Mitgliedern, Beschäftigten, ehrenamtlich Aktiven und Ratsuchenden zusammengetan. Unter anderem haben sie das Meinungsforschungsinstitut YouGov mit einer repräsentativen Umfrage beauftragt. Im Februar 2026 wurden Menschen in Deutschland nach ihren Einstellungen zu Rente, Pflege, Arbeitszeitgesetz, Facharztterminen, Wohnen und zur Rolle sozialer Einrichtungen befragt. Das Ergebnis: Die Bevölkerung steht sehr deutlich hinter dem Sozialstaat. 79 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass ein leistungsfähiger Sozialstaat den Zusammenhalt der Gesellschaft verbessert.

Das Netz sozialer Angebote stärken – auch im ländlichen Raum

Gleichzeitig wird in der Umfrage deutlich, wo es derzeitig hakt. Mehr als zwei Drittel der Befragten halten die personelle und finanzielle Ausstattung sozialer Einrichtungen für nicht ausreichend. Diese Einschätzung zieht sich quer durch alle Bevölkerungsgruppen, unabhängig vom Geschlecht oder der Parteipräferenz und über alle Altersgruppen hinweg.
 
Besonders aufschlussreich ist der Blick in den ländlichen Raum. Wer abseits der großen Städte lebt, spürt den Mangel an sozialer Infrastruktur unmittelbarer, mit längeren Wegen zum nächsten Jugendzentrum, mit weniger Kitaplätzen oder ausgedünnten sozialen Beratungsangeboten. Das schlägt sich in den Zahlen nieder: 75 Prozent der Menschen in ländlichen Regionen sind der Ansicht, dass die personelle Ausstattung sozialer Einrichtungen nicht ausreicht.

Wo Zusammenhalt tagtäglich entsteht

Diese Zahlen widersprechen dem Bild, das in manchen politischen Debatten gezeichnet wird, dem eines übersättigten Wohlfahrtsstaates, dessen Leistungen kaum noch jemand einfordert. Das Gegenteil ist wahr: Die Menschen sehen Lücken und erwarten, dass gehandelt wird.
 
Das Sozialstaatsbündnis nimmt diese Erwartung auf und wird die Umfrageergebnisse in die öffentliche und politische Diskussion einbringen. Denn Solidarität und sozialer Zusammenhalt sind mehr als abstrakte Begriffe. Sie zeigen sich konkret dort, wo die Erzieherin ein Kind begleitet, das zu Hause keinen sicheren Halt findet. Wo sich der Pfleger Zeit nimmt, um das Detail einer Lebensgeschichte zu hören. Und wo die ehrenamtliche Helferin an der Tafel jemandem das Gefühl gibt, nicht vergessen zu sein. Ein Sozialstaat, der das ermöglicht, ist kein Luxus. Er ist das Fundament für ein gutes gesellschaftliches Miteinander.

Dr. Jonas Pieper ist Leiter des politischen Verbindungsbüros beim Paritätischen Gesamtverband, einem der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege und Dachverband von mehr als 10.700 sozialen Organisationen. Jonas Pieper ist Beiratsmitglied der im Nomos Verlag erscheinenden Zeitschrift Blätter der Wohlfahrtspflege.