Programmierte Soziale Arbeit: Was steckt in Fachsoftware?

12.05.2026

Programmierte Soziale Arbeit: Was steckt in Fachsoftware?

Zu sehen ist der Header zum Thema Sozialrecht und Sozialwesen mit dem Autor Joshua Weber

von Dr. Joshua Weber

Fachsoftware in der Sozialen Arbeit

Wer heute in einer sozialen Organisation arbeitet, begegnet Fachsoftware nahezu täglich. Tagesjournale, Hilfeplanungen, Leistungsabrechnungen oder Fallverläufe werden vielerorts digital dokumentiert und verwaltet. Diese Systeme sind in vielen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit zu einem zentralen Arbeitsinstrument geworden. Dabei sind solche Systeme nicht neutral: Sie präsentieren bestimmte Inhalte, erzwingen Eingaben über Pflichtfelder, lösen automatisierte Ereignisse aus, begrenzen Freitexte und strukturieren damit Abläufe mit. Wer diese Systeme nutzt, arbeitet also nicht nur mit einem Werkzeug, sondern mit einer Technologie, die die eigene Tätigkeit in bestimmter Weise mitformt.

Blick hinter die Programmoberfläche

Was genau in einer Fachsoftware steckt, geht auf Entscheidungen zurück, die im Entwicklungsprozess vor ihrer Nutzung getroffen werden. Dort legen die Softwareunter-nehmen die Gestalt ihrer Produkte fest. Dabei schreiben sich spezifische Annahmen über die spätere Nutzung und die Nutzer und Nutzerinnen technisch ein. Annahmen über die Soziale Arbeit, aber auch Annahmen über weitere Funktionsgruppen in sozialen Organisationen wie die Leitung oder die Verwaltung, die allesamt mit der Software arbeiten und deren Interessen sich nicht immer decken. Das Bedürfnis der Fachkräfte nach qualitativer Fallbeschreibung kann etwa dem Bedürfnis des Managements nach quantifizierbaren Kennzahlen für Reportings gegenüberstehen. Wessen Interessen die Funktionalitäten einer Software im Zweifelsfall maßgeblich bedient, ist auch Ergebnis solcher Entscheidungsprozesse in der Softwareentwicklung. Die hinter diesen Entscheidungen liegenden Prozesse und Logiken sind für Fachkräfte im Alltag meist unsichtbar. Die Software tritt ihnen schlicht als fertiges Produkt in Form einer Programmoberfläche entgegen, auf die sie in der Nutzung Bezug nehmen.

Beispiel: Wenn der Code die Grenzen zieht

Der Verfasser ist im Rahmen seiner Dissertation an der Universität zu Köln solchen Entscheidungen hinter der Softwareoberfläche nachgegangen und hat dafür Softwareunternehmen in Entwicklungsprozessen technografisch begleitet. Seine Studie zeichnet auch nach, dass solche Entscheidungen konkrete Folgen haben, wie das Beispiel der sogenannten Bewilligungsworkflows zeigt. Diese informatisierten Workflows legen fest, in welcher zeitlichen und hierarchischen Abfolge Personen und Software bei der Bearbeitung eines Falls in sozialen Organisationen zusammenwirken, und sie sind zwingend einzuhalten. Bereiche, für die ein solcher Workflow in der Software hinterlegt ist, können nicht bearbeitet werden, ohne ihn zu durchlaufen. Über diese Konfiguration von Grenzwerten und die stufengerechte Bearbeitung wird versucht, vermittelt über die Software die Einhaltung geltender Reglemente und Richtlinien sicherzustellen. Wenn vorab festgelegt wird, welche Leistungen Fachkräfte im Sozialdienst in welcher Höhe genehmigen dürfen, werden Wertepositionen technisch fixiert. Solche Grenzwerte lassen sich von Fachkräften im Einzelfall nicht überschreiben. Auch dann nicht, wenn es fachlich sinnvoll wäre.

Eine Aufforderung zur Beteiligung

Für Träger, Fachverbände und die Profession insgesamt erwächst daraus die Schlussfolgerung, dass die Gestaltung digitaler Arbeitsmittel nicht als rein technische Angelegenheit betrachtet werden darf. Denn wenn die Gestalt einer Fachsoftware das berufspraktische Handeln mitformt, muss deren Gestaltung als fachpolitische Aufgabe aufgefasst werden.

Dr. Joshua Weber ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Sein Buch De-Scripting Social Work ist im Nomos Verlag und open access erschienen.