Quo vadis, Demokratie?
Warum Verschwörungserzählungen boomen

28.05.2026

Quo vadis, Demokratie?
Warum Verschwörungserzählungen boomen

Zu sehen ist ein Banner vom Newsletter mit dem Beiträger Stefan Christoph.

Im Gespräch mit Dr. Stefan Christoph

In der aktuellen Ausgabe unseres Newsletters Quo vadis, Demokratie? sprechen wir mit Dr. Stefan Christoph über den wachsenden Einfluss von Verschwörungserzählungen. Warum gewinnen einfache Antworten in komplexen Zeiten an Attraktivität – und weshalb stoßen Faktenchecks dabei oft an ihre Grenzen?

Welche Faktoren wirken aktuell als Katalysatoren für Verschwörungsdenken?

Wir wissen, dass Krisenphänomene – vom Klimawandel bis zur Eskalation verschiedener Kriegsschauplätze – als Verstärker für solche Denkmuster wirken können. Verschwörungserzählungen liefern einfache Antworten auf Phänomene, die sonst nicht oder nur schwer begreiflich wären. Und sie vermitteln uns durch klare Feindbilder so was wie eine Handlungsfähigkeit oder Agency im Kampf gegen diese Krisen; auch wenn diese Handlungsfähigkeit nur vorgetäuscht ist. In einer Welt, die unter dem Stichwort Polykrise beschrieben wird, ist es deswegen wenig erstaunlich, dass Verschwörungsdenken an Einfluss gewinnt.

Weshalb finden Verschwörungserzählungen in Teilen der Gesellschaft Anklang?

Diese Erzählungen befriedigen ein tiefgreifendes Bedürfnis, das in uns allen steckt: nämlich das nach Welterklärung und Sinnstiftung. In einer komplexen und undurchschaubaren Welt liefern sie Identitätsangebote und Deutungsangebote. Man könnte sie auch als eine Art Ersatzreligion beschreiben, die in unserer Welt auch deswegen Wirkung entfalten kann, weil die Bedeutung der Religion über die letzten Jahrhunderte weiter zurückgegangen ist. Wenn Verschwörungserzählungen die Frage beantworten, warum Böses auf der Welt geschieht, dann beantworten sie damit eine Art säkulare Theodizeefrage.

Wer sind die zentralen Akteure hinter Verschwörungserzählungen?

Die sind tatsächlich sehr unterschiedlich. Es gibt einzelne Personen, die diese Erzählungen eher als eine Art ‚Lone Wolf‘ verbreiten, es gibt verschwörungsideologische Graswurzelbewegungen. Und es gibt auch diejenigen, die gezielt diese Erzählungen verbreiten, um daraus (soziales, finanzielles, politisches) Kapital zu schlagen. Was wir aber sehen: Je institutionalisierter diese Akteure sind – das heißt, je mehr Reichweite, Ressourcen oder je größeres Netzwerk sie haben –, desto besser die Chance, dass ihre Erzählungen wirkmächtig werden und umso gefährlicher können sie potenziell werden.

Warum greifen Faktenchecks und Aufklärung bei Verschwörungsglauben oft nicht?

Verschwörungsideologien sind totale und absolute Weltbilder. Das heißt, sie immunisieren sich gegen Erkenntnisse von außen, sind gleichzeitig ‚impfresistent‘ gegenüber Gegenbeweisen. Sie neigen dazu, die Welt nur noch durch die eigene, verschwörungsideologische Brille wahrzunehmen und andere Fakten an sich abprallen zu lassen. Sie weigern sich quasi, Neues zu lernen. Zum Teil schaffen sie es sogar, Gegenbeweise als Beweise für die eigene Erzählung umzudeuten, im Sinne von: ‚Wenn alle widersprechen, dann muss etwas dran sein.‘

Welche Ansätze stärken gesellschaftliche Resilienz – und wie lassen sich Menschen aus solchen Milieus zurückgewinnen?

Klassisches ‚Debunking‘, das Widerlegen von Desinformation, ist aus den oben beschriebenen Gründen relativ wirkungslos. Statt die Defizite von Verschwörungsideologien beseitigen zu wollen, sollten wir uns auf demokratische Ressourcen konzentrieren: Demokratische Resilienz entsteht durch Konfliktfähigkeit und das Aushalten von Uneindeutigkeiten und Ambiguität. Erfahrungen demokratischer Selbstwirksamkeit können das Vertrauen in Gesellschaft, Demokratie und ihre Institutionen stärken. Damit beseitigen wir nicht nur die Ursachen von Verschwörungsideologien, sondern stärken auch die Demokratie.

Unser Beiträger

Dr. Stefan Christoph forscht an der Universität Passau zu Verschwörungsdenken und zu demokratischen Antworten darauf. Er ist Postdoctoral Researcher im EU-Horizon-geförderten Projekt TaCT-FoRSED, das demokratische Resilienz und demokratische Selbstwirksamkeit als Ressourcen zur Reaktion auf Verschwörungsdenken erforscht und fördert. Kürzlich erschien beim Nomos Verlag sein neues Buch „Verschwörungsideologie und Demokratie“.

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