Quo vadis, Demokratie?
Ohne Kirchen keine Zivilgesellschaft?

30.04.2026

Quo vadis, Demokratie?
Ohne Kirchen keine Zivilgesellschaft?

Zu sehen ist ein Banner vom Newsletter mit dem Beiträger Philipp Elhaus.

Im Gespräch mit Philipp Elhaus

In der aktuellen Ausgabe unseres Newsletters Quo vadis, Demokratie? spricht Pastor und Sozialwissenschaftler Philipp Elhaus über die Rolle der Kirchen in einer pluralen Gesellschaft – zwischen Vertrauensbildung, politischer Positionierung und innerer Erneuerung.

In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie Kirchen als Akteure der Zivilgesellschaft. Angesichts sinkender Mitgliederzahlen und wachsender Distanz zur Institution Kirche: Welche Rolle können Kirchen heute überhaupt noch für das Funktionieren einer demokratischen Zivilgesellschaft spielen?

Auch wenn die Kirchen an Mitgliedern verlieren und ihr gesellschaftlicher Einfluss schwindet, so weisen Umfragen deutlich darauf hin, dass die Kirchen über das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitglieder eine wichtige Ressource für eine vitale Zivilgesellschaft bilden. Laut der letzten großen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) aus dem Jahr 2023 sind knapp die Hälfte der evangelischen wie katholischen Kirchenmitglieder ehrenamtlich engagiert. Das liegt deutlich über dem Anteil der konfessionslosen Bevölkerungsgruppe. Den höchsten Engagementgrad weisen dabei Kirchenmitglieder auf, die sich einem kirchlich-religiösen Typ zuordnen lassen. Wer sich kirchlich engagiert, ist häufig in anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen aktiv mit dabei, vor allem im sozialen und Wohltätigkeitsbereich. Kirchen bieten mit ihren Partizipationsstrukturen in vielfältiger Weise Ermöglichungs- und Gelegenheitsräume, in denen sich gesellschaftliches Engagement leicht entfalten und civic skills erworben werden können. Eine Studie aus unserem Institut hat gezeigt, dass örtliche Kirchengemeinden wichtige zivilgesellschaftliche Funktionen in ihren Sozialräumen wahrnehmen, indem sie sich anwaltschaftlich einbringen, über Nachbarschaftsarbeit oder Flüchtlingshilfe integrieren, zwischen unterschiedlichen Interessenlagen und Gruppen moderieren oder – gerade im ländlichen Raum – bestimmte Funktionen der Daseinsvorsorge mit übernehmen. Mit speziellen Beauftragungen und Arbeitsbereichen – z. B. für Interkulturalität und Interreligiosität oder neuerdings auch Demokratie – tragen Landeskirchen zudem zu einem konstruktiven Umgang mit einer (religions)pluralen und von Diversität geprägten Gesellschaft bei. Dabei schimmern, in unterschiedlicher Form, christliche Grundhaltungen und Grundwerte wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit durch – und damit auch eine besondere Sensibilität für ausgegrenzte und vulnerable Bevölkerungsgruppen.

Viele Demokratien stehen derzeit vor Vertrauenskrisen – gegenüber staatlichen Institutionen, aber auch gegenüber gesellschaftlichen Organisationen. Welche Rolle können Kirchen in diesem Zusammenhang für die Stabilisierung von Vertrauen spielen, und wo verlieren sie selbst an Glaubwürdigkeit?

Die KMU-Daten belegen, dass Kirchenmitglieder im Vergleich zu Konfessionslosen ein signifikant höheres Vertrauen in andere Menschen und gesellschaftliche Institutionen (z. B. Justiz, Bundestag, politische Parteien) haben. Das mag mit dem besonderen Weltverhältnis des christlichen Glaubens zusammenhängen, das von Gottvertrauen geprägt ist und daher noch aus anderen Quellen als der unmittelbaren Welterfahrung schöpfen kann. Im Kontrast zu den ressentimentbestimmten „Misstrauensgemeinschaften“ (Aladin El-Mafaalani) können Kirchen daher Gemeinschaften des Vertrauens bilden, die wie ein Ferment in öffentliche Räume wirken. An Glaubwürdigkeit verlieren sie da, wo sie diese Potenziale und damit ihre eigene religiöse Identität mit Lügen strafen, durch geistlichen Missbrauch und sexuelle Gewalt, durch Diskriminierungen im Blick auf Lebensorientierung oder ethnische Herkunft oder klassistische Ausgrenzungen. Das biblische Zeugnis eines befreienden Gottes sollte sich mit persönlicher Freiheit und Selbstermächtigung verbinden. Dies schließt auch moralische Bevormundung aus. Die eigene Ursprungstradition ist daher zugleich die schärfste Kritikerin kirchlicher Praxis.

Gesellschaftliche Vielfalt wird zunehmend sichtbar und zugleich konflikthafter verhandelt. Wie gehen Kirchen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen und Lebensrealitäten in ihren eigenen Reihen um – und was bedeutet das für ihren Anspruch, Gemeinsinn zu stiften?

Den Kirchen ist mit ihrem biblischen Ursprungsereignis – dem Pfingstfest – die kreative Spannung von Universalität und Vielfalt eingeschrieben. Das Evangelium gilt allen Menschen, aber ist nur in kontextueller Vielfalt zugänglich. Zudem lässt sich nach evangelischem Verständnis die Wahrheitsgewissheit des Glaubens nicht unmittelbar in eindeutiges Handeln übersetzen. Umgang mit Vielfalt ist daher Teil des genetischen Codes des christlichen Glaubens – das schließt unterschiedliche Wertvorstellungen und Lebensrealitäten mit ein. Diese gilt es nicht nur auszuhalten, sondern als Teil der eigenen Identität zu bejahen.
Diese Vielfalt findet aber da eine Grenze, wo sich eine bestimmte Form selber absolut setzen will. Das gilt insbesondere für ein fundamentalistisches Glaubensverständnis, das auf Durchsetzung vermeintlich biblischer Normen in Politik und Gesellschaft dringt. Wo sich ein wörtliches Bibelverständnis z. B. mit einer rechtspopulistischen Wertvorstellung mischt, ist diese Grenze erreicht. Das haben evangelische wie katholische Kirche deutlich gegenüber der AfD markiert.
Bezogen auf die Gesellschaft bedeutet dies: Die Kirchen können nicht mit religiösen Gründen die Vertretung des Gemeinsinns für sich reklamieren. Dieser ist immer wieder neu auf unterschiedlichen Ebenen auszuhandeln. Hier haben die Kirchen eine Stimme unter anderen. Aber sie können mit der ihnen eigenen religiösen Tradition, mit Haltungen, Orten und Ritualen, spezifische Ressourcen für die Bildung von Gemeinsinn einbringen – und zugleich da kritisch intervenieren, wo ein auf universaler Menschenwürde basierender Gemeinsinn prinzipiell negiert wird oder wo zivilgesellschaftliche Handlungsräume politisch eingegrenzt werden.

In aktuellen politischen Debatten – etwa zu Migration, sozialer Ungleichheit oder Klimapolitik – positionieren sich Kirchen teils sehr deutlich. Wird damit ein wichtiger Beitrag zur demokratischen Meinungsbildung geleistet, oder riskieren Kirchen, ihre Rolle als verbindende gesellschaftliche Kraft zu verlieren?

Demokratie wie Zivilgesellschaft leben von dem Einbringen unterschiedlicher Positionen, die über politisch institutionalisierte sowie diskursiv-kommunikative Verfahren vermittelt werden. Wenn Kirchen auf dem Hintergrund der sie bestimmenden universalistischen Werte und Grundhaltungen bestimmte Positionen nachdrücklich vertreten, bewegen sie sich damit im Spielraum von Demokratie und Zivilgesellschaft bzw. tragen zu ihrer Vitalität bei. Dass damit Schnittmengen zu Positionen auftreten, die auch von Parteien vertreten werden, liegt in der Natur der Sache, macht die Kirchen aber nicht zu verlängerten Armen von Parteipolitik. Die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhaltes liegt für mich auf einer Ebene jenseits der unterschiedlichen Positionen. Sie bezieht sich auf den Modus und die Kultur der Aushandlungsprozesse. Gesellschaftlicher Zusammenhalt wird in einer pluralen Gesellschaft ja nicht durch Konformität politischer bzw. sozialethischer Positionen gestiftet – dies würde immer die Gefahr der tendenziell gewaltmäßigen Ausblendung von Differenz beinhalten –, sondern vielmehr durch Werte und Haltungen, die einen konstruktiven Umgang mit Unterschieden ermöglichen: Respekt, die Bereitschaft zum Zuhören, Toleranz, Irrtumsfähigkeit, Ambiguität. Eine liberale Demokratie und eine durch zivile Werte geprägte Zivilgesellschaft leben vom Humus dieser gelebten Kultur. Sie schafft die Voraussetzung für eine Gesellschaft, in der wir – mit Adorno gesprochen – ohne Angst verschieden sein können. Hier sehe ich den wichtigen Beitrag der Kirchen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, der sich gerade über ihre religiöse Identität, ihre biblischen Narrationen und symbolischen Rituale vermittelt. Eine Kultur, mit der sie nicht allein stehen. Denn die Kirchen können – Gott sei Dank – die Grundhaltung von Menschenwürde und Toleranz nicht exklusiv für sich beanspruchen.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welche Rolle könnten Kirchen in einer sich wandelnden Demokratie idealerweise einnehmen – eher als moralische Stimme im politischen Raum, als sozialer Infrastrukturträger oder als etwas ganz anderes?

Die Kirchen sehen sich einem massiven Rollenwandel ausgesetzt. Hatten sie noch vor achtzig Jahren eine Monopolstellung für die Religion der Gesellschaft inne, so repräsentieren sie nun eine Minderheit innerhalb einer mehrheitlich von Konfessionslosigkeit und Religionspluralität geprägten Gesellschaft. Diese Rolle gilt es anzunehmen und auszufüllen, indem sich die Kirchen über ihre unterschiedlichen Sozial- und Handlungsformen aktiv und vernetzt in die lokalen Sozialräume einbringen und weiterhin als soziale Infrastruktur für zivilgesellschaftliches Engagement dienen. Wo und wie darüber hinaus die moralische Stimme der Kirche im politischen Raum gefragt ist, hängt auch von der jeweiligen politischen Situation bzw. Kultur ab. Da Kirchen prinzipiell Teil der Gesellschaft sind, gehören auch politische und sozialethische Positionierungen zur Teilhabe. Wichtig scheint mir, dass diese einerseits die eigene, innerkirchliche Pluralität nicht ausblenden und andererseits auf religiöse Bevormundung gegenüber einem sich säkular verstehenden Staat und einer vielfältigen Zivilgesellschaft verzichten. Die biblische Ursprungsurkunde gibt auch einer kleiner werdenden Kirche Visionen für ein inklusives Gemeinwesen mit auf den Weg. Sich an ihnen zu messen und sie im Rahmen staatlicher und zivilgesellschaftlicher Rahmenbedingungen in vielfältiger Weise innerhalb der Gesellschaft zu leben und aktiv einzubringen, bleibt auch in Zukunft eine zentrale kirchliche Aufgabe. Eine Aufgabe, mit der sie in einer demokratischen Gesellschaft – mittelbar gesehen – einen wichtigen Beitrag zu deren Zukunft leisten können.

Unser Beiträger

Pastor Philipp Elhaus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sozialwissenschaftlichen Institut (SI) der EKD in Hannover. Sein Schwerpunkt liegt in der wissenschaftlichen Begleitforschung von Kirchenentwicklungsprozessen. Das SI arbeitet interdisziplinär zu den Themenfeldern Kirche und Religion in der Gesellschaft sowie Ökonomie und Religion im Sozialstaat.

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