WEC-Langstreckenmotorsport vs. Fußball: Transparenz und Stakeholder-Mitbestimmung

30.06.2026

WEC-Langstreckenmotorsport vs. Fußball: Transparenz und Stakeholder-Mitbestimmung

Header des Newsbeitrages zum Sportrecht. Zu sehen ist eine Rennbahn auf orangenem Grund. Im Vordergrund befindet sich der Autor Anton Fischer.

von Anton Fischer

Die FIA World Endurance Championship (WEC) zählt als Weltmeisterschaft im Langstreckenmotorsport zu den bedeutendsten internationalen Motorsport-Rennserien. Rund um die berühmten “24 h von Le Mans” als Saisonhöhepunkt sorgt vor allem die Verbindung aus technischer Innovation, sportlichem Wettbewerb und globaler Markenpräsenz für die besondere Attraktivität der Serie. Gleichzeitig macht diese Kombination sie auch aus Governance-Perspektive interessant.
 
Anders als in den verbands- bzw. vereinsgeprägten Organisationsstrukturen des deutschen Profifußballs stehen in der WEC vor allem Herstellerteams im Mittelpunkt. Marken wie Ferrari, Toyota, BMW, Aston Martin oder Hyundai / Genesis prägen die Serie nicht nur sportlich, sondern auch technologisch und wirtschaftlich. Sie sind so für die Weiterentwicklung der Serie von zentraler Bedeutung. Neben den Herstellern sind weitere Akteure wie Kundenteams, Fahrer, Sponsoren, Medien und Fans zwar Teil des Umfeldes, haben jedoch keinen nennenswerten Einfluss.
 
Die Entscheidungsstruktur der WEC ist stark zentralisiert. Neben dem Automobile Club de l’Ouest (ACO) kommt der Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) zentrale Bedeutung zu. Über ihre Gremien legt sie technische und sportliche Reglements, Sicherheitsstandards sowie organisatorische Rahmenbedingungen fest. Dies ermöglicht schnelle und fachlich fundierte Entscheidungen – durchaus wichtig in einem technisch hochkomplexen Wettbewerb. Einheitliche Regeln schaffen zudem Planungssicherheit und gewährleisten die Vergleichbarkeit unterschiedlicher Fahrzeugkonzepte.

Balance of Performance und Governance

Ziel der WEC ist ein ausgeglichener Wettbewerb, der Spannung und Markenvielfalt innerhalb der Serie bietet. Eine zentrale Rolle zur Verwirklichung spielt die sogenannte “Balance of Performance” (BoP). Als Instrument zur Leistungssteuerung soll BoP durch die Vorgabe zwingender Parameter wie Fahrzeuggewicht und Motorleistung sicherstellen, dass unterschiedliche Fahrzeugkonzepte trotz technischer Unterschiede konkurrenzfähig bleiben.
 
Aufgrund ihres Einflusses auf Entwicklungsstrategien und Marketingpotenzial der Hersteller hat BoP nicht nur sportliche, sondern auch technologische und wirtschaftliche Bedeutung. Entsprechend wichtig sind nachvollziehbare und konsistente Entscheidungsprozesse. Gleichzeitig behandelt die FIA BoP als äußerst sensiblen Regelungsbereich. Während früher – zumindest in begrenztem Umfang – Datengrundlagen, Berechnungen und Entscheidungsbegründungen veröffentlicht wurden, bleiben diese seit diesem Jahr gänzlich unter Verschluss. Neben Fragen zur Fairness konkreter Einstufungen sorgt vor allem die einseitig und ohne Einbindung zentraler Akteure vorgenommene BoP-Ermittlung für Kritik. Zusätzlich schürt das gänzliche Fehlen von Entscheidungsbegründungen sowie der von der FIA verhängte Maulkorb bezüglich der Ergebnisse Diskussionen über Transparenz und Nachvollziehbarkeit.

Vergleich zum deutschen Profifußball

Ein Vergleich mit dem deutschen Profifußball verdeutlicht die unterschiedlichen Governance Ansätze. Im Fußball bestehen mit dem DFB, der DFL, den Vereinen sowie den Spielervertretungen deutlich stärker institutionalisierte Beteiligungs- und Kontrollmechanismen. Das Lizenzierungssystem umfasst sportliche, wirtschaftliche, organisatorische und rechtliche Vorgaben und schafft damit ein klar strukturiertes Steuerungs- und Kontrollsystem, das für Legitimation und Transparenz sorgt.
 
Demgegenüber setzt die WEC – getragen von FIA und ACO – auf einen klar auf Wettbewerbsfähigkeit ausgerichteten technik- und expertiseorientierten Governance-Ansatz, der schnelle und spezialisierte Entscheidungen ermöglicht. Neben dieser funktionalen Effizienz bleiben jedoch zentrale Legitimationspotenziale ungenutzt, die im Fussball verwirklicht wurden.
 
Die Frage steht im Raum, ob die geringere Transparenz und die begrenzte Stakeholder Einbindung systembedingt erforderlich sind oder mögliche Ansatzpunkte für eine notwendige weitergehende Entwicklung hin zu mehr Transparenz und breiterer Stakeholder-Einbindung bieten.

 

 

Anton Fischer, LL.M., ist Head of Legal & Compliance bei Hyundai Motorsport. Der international erfahrene Automotive und Sportjurist verantwortet die rechtliche Gestaltung und Umsetzung der globalen Motorsportprogramme des Unternehmens. Aktuell begleitet er insbesondere den Einstieg der Premiummarke Genesis in die FIA WEC und den internationalen Langstreckensport. Sein das Thema vertiefender Beitrag erscheint im August in der Zeitschrift „SpoPrax“ 8/2026 im Nomos Verlag.