NOESIS
Bewusste Heimat ist entrissene Heimat

06.02.2026

NOESIS
Bewusste Heimat ist entrissene Heimat

Zu sehen ist ein Banner vom Newsletter Noesis mit dem Beiträger Prof. Dr. Alfred Hirsch

Was bedeutet „Heimat“ – und warum wird sie gerade dann dringlich, wenn sie verloren geht? Im aktuellen Beitrag unseres Philosophie-Newsletters NOESIS zeichnet Prof. Dr. Alfred Hirsch mit Blick auf sein neues Buch „Heimatweh“ die historische Verschiebung des Heimatbegriffs nach und verbindet sie mit Erfahrungen von Entzug, Migration und Entwurzelung. Das Interview zeigt Heimat als ein fragiles, prozessuales Phänomen zwischen Erinnerung, Raum und Zugehörigkeit.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Alfred Hirsch

Sie liefern in Ihrem Buch „Heimatweh“ einen faszinierenden Überblick darüber, wie sich die Verwendung des Heimatbegriffs seit der Vormoderne gewandelt hat. Fassen Sie diesen noch einmal kurz zusammen?

Bis ins 17. und noch das 18. Jahrhundert hinein bezog sich das Wort ‚Heimat‘ auf die Hofanlagen, insbesondere im südwestdeutschen und alemannischen Raum. Etwas später dehnt sich die Zuständigkeit der ‚Heimat‘ auf das Dorf und die kleine Stadt sowie die nahe, diese umgebenden Landschaften aus. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird das Phänomen ‚Heimat‘ stark von den Autoren der Romantik geprägt. Dieser neue Heimatdiskurs entfernt sich von der konkreten und engen Rahmengebung der Vergangenheit. Dieser Schritt zur neuen Thematisierung von Heimat geht unmittelbar einher mit der Bevölkerungsexplosion, der Industrialisierung und den großen Auswanderungswellen in die ‚Neue Welt‘. ‚Heimat‘, nunmehr als modernes Phänomen gedacht, wird mehr und mehr zum Desiderat und Sehnsuchtsort der entwurzelten Massen.

Ein zentraler Satz im Buch lautet „Die Dringlichkeit der Heimat entsteht durch ihren Entzug“. Erklären Sie das noch einmal kurz zum Einstieg?

Wie in meiner Antwort auf die erste Frage schon angedeutet, entsteht der moderne Heimatdiskurs mit einem Verlust oder einer Zerstörung von vertrauten Orten Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts – Landflucht, Industrialisierung und Migration sind hier die Stichworte. Und es lässt sich historisch und diskursgeschichtlich sehr gut zeigen, dass die romantische Anknüpfung an diese realhistorischen Entwicklungen von einem eher immateriellen, idealisierenden und rückwärtsschauenden Heimatphänomen geprägt ist. Hier schon wird deutlich – wie in so manch anderen historischen Phasen –, dass Heimat vor allem dann in den Blick kommt, wenn sie schwindet, entzogen oder zerstört wird. Sie gerät dann besonders in den Fokus, wenn Lebensorte durch Zwänge entrissen, durch Krieg zerstört oder durch ökologische Beeinträchtigungen vernichtet werden.

Darüber hinaus gibt es aber auch eine systematische, raumphänomenologische Perspektive, anhand derer sich zeigen lässt, dass die menschliche, leibliche Erfahrung von Orten und Räumen immer der physikalisch-mathematischen Reflexion von Räumen vorausgeht. Dies bedeutet, dass wir – wie Dürckheim schreibt – Räume ‚leben‘, und darin steckt eben auch, dass unsere Vertrautheit und wohnliche Verbindung mit Räumen vorreflexiv sind. Das heißt, dass wir uns stets verspätet und erst im Nachhinein unserer Verbundenheit und Nähe zu Orten bewusst werden können. ‚Heimat‘ wird damit zu einem immer schon vergangenen und fluiden Phänomen, das sich nicht konservieren und festhalten lässt. Daraus folgt, dass wir eher von einem ständigen Prozess der ‚Beheimatung‘ sprechen müssen, dem im Zweifel auch eine stete ‚Entheimatung‘ gegenüberstehen kann.

Edgar Reitz, Regisseur der Filmreihe „Heimat“, erklärte 2016 in einem Interview: „… damit müssen wir rechnen, dass die Migranten, die zu uns kommen, auch so ein Verlangen haben, ihre verlassene Heimat mit sich herumzutragen und in neuen Kontakten untereinander sich dessen zu vergewissern – so lange, bis zu dem neuen Lebensverhältnis ein Vertrauenszustand entsteht. Das kann manchmal Generationen dauern.“ Was sagen Sie auf der Grundlage Ihres Heimatverständnisses dazu?

Dieser Satz von Edgar Reitz – der mir bisher leider nicht bekannt war – zeugt von einer tiefen Einsicht in den Zusammenhang zwischen dem, was wir ‚Heimat‘ nennen, und den verschiedenen Formen der Migration. Zugleich aber weist er auf eine bemerkenswerte soziokulturelle Urteilskraft des Autors hin. Migration ist in diesem Kontext auch kein bei- oder nachgeordnetes Phänomen. Sie war das und das 20. Jahrhundert wesentlich mitprägende Faktum – und sie wird ein noch viel größeres Gewicht im 21. Jahrhundert haben. Alle Bemühungen Europas oder der USA, Migration zu verhindern, werden dies durch die Mittel der Abschottung nicht erreichen. Auch steht ja noch in Frage, ob die zukünftige Migration weltweit nicht sehr bald schon in eine andere Richtung gehen könnte. Denken wir in diesem Zusammenhang an die Migration von Anfang des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts, die im Wesentlichen innerhalb Europas geschah oder von Europa aus in den Rest der Welt strebte.

Die Überlegung von Edgar Reitz berührt aber noch ein anderes für die Migration sehr zentrales Phänomen. Denn dort, wo Menschen emigrieren, lassen sie Heimat und vertraute Orte zurück – mögen diese auch ‚unlebbar‘ und unbewohnbar geworden sein. Aber durch ihre Vertrautheit und ehemalige Geborgenheit werden diese Orte durch die Nötigung der Migration zu leidvoll erinnerten ‚Heterotopien‘. Der schmerzhafte und oft traumatische Prozess der Entheimatung durch Flucht und Vertreibung schafft ganz neue Bedürfnisse am Zielort der Migration. Ein wenig Nähe und Vertrautheit in der neuen, fremden und oft feindlich wahrgenommenen Umgebung vermögen da die anderen Geflüchteten zu stiften. Denn soziale Räume gehören ebenso konstitutiv zum Phänomen Heimat wie geografische Räume und Orte. Dies haben auch all die deutschen Ost-Vertriebenen an ihren neuen Herkunftsorten erlebt – vermutlich ähnlich und doch anders als die Geflüchteten der jüngeren Vergangenheit in Europa. Und ja, die Prozesse der Beheimatung und ihre Dauer sind stark abhängig von der Kultur der Gastlichkeit eines Landes. Im Zweifel können das Ankommen und die Neubeheimatung Generationen dauern.

Jean-Jacques Rousseau, so erwähnen Sie in einem der letzten Absätze Ihres Buches, schrieb Mitte des 18. Jahrhunderts: „Der erste, welcher ein Stück Landes umzäunte, es sich in den Sinn kommen ließ zu sagen: Dies ist mein, (…)“ derjenige habe, so Rousseau sinngemäß, Kriege und Elend über die Menschen gebracht. Sie schreiben in Ihrem Kapitel über das Wohnen auch über den gewaltsamen Akt des Einbruchs. Eine schützenswerte Privatsphäre entsteht nur durch exklusive Nutzung eines Ortes, den ich, nimmt man Rousseau wörtlich, anderen wegnehme?

Der berühmte Satz Rousseaus hat schon zu zahlreichen Interpretationen und Anschlüssen Anlass gegeben. Gerne will ich eine weitere hinzufügen. Denn die vermeintlich hier im Zentrum der Kritik stehende Aneignung von Boden und deren regressive private wie nationalistische Beanspruchung ist mit Blick auf unsere gegenwärtigen Probleme beinahe nachrangig zu betrachten. Vielmehr könnte im Vordergrund der Rousseauschen, weit vorausschauenden Einlassung stehen, dass das große private Eigentum an Boden in der Moderne zu dessen Ausbeutung und Vernutzung geführt hat. Getrieben wurde dieser Prozess hauptsächlich durch das private und individuelle Profitinteresse. Etwas weiter unten heißt es in dem zitierten Rousseau-Satz, dass die ‚Früchte‘ des Bodens allen gehören, dieser jedoch niemandem. Und es zeigt sich in der gegenwärtig voranschreitenden Zerstörung der ökologischen Lebensgrundlagen, dass die ‚Böden‘, der Humus und die darauf aufbauenden Straten alle Menschen in ihren unmittelbaren Existenzbedingungen betreffen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass die Menschen dem Boden gehören – und nicht umgekehrt. Auch hier findet eine sukzessive Vertreibung und Entheimatung statt, die durch die Klimakrise noch beschleunigt werden könnte.

Der vertraute Ort und die zumeist in der Kindheit verankerte Heimatbindung hat zweifelsfrei sehr direkt und unmittelbar mit einer geschützten Privatsphäre zu tun. An einem bestimmten Ort sein zu dürfen, diesen Platz für sich zu haben, ist Bedürfnis eines jeden Menschen und sollte auch, im eigentlichen Sinne des Wortes, sein Menschenrecht sein. Denn die Verletzung dieses Vertrauens in einen eingewöhnten Ort, wie unsere Wohnung oder unser Haus, betrifft zumeist unmittelbar das leibliche und seelische Befinden der Betroffenen. Auch hiervon wissen die durch die Kriege, Ausgrenzung und Verfolgung betroffenen Geflüchteten des letzten Jahrhunderts Zeugnis abzulegen.

Zum Abschluss die schwierigste Frage, die zu beantworten vielleicht gar nicht möglich ist: Wie macht man sich den Besitz dessen bewusst, was man, während es jetzt scheinbare Selbstverständlichkeit ist, vermissen wird, wenn man es verliert?

Die gewählte Wortschöpfung ‚Heimatweh‘ versucht sich dieser Paradoxie zu nähern. Indem es auf ein existenzielles Unbehagen hinweist, das sich immer dann einstellt, wenn Vertrautheiten und Geborgenheiten schwinden, will es auf diesen stets schwelenden Entzug einer Entheimatung aufmerksam machen.

Anders als das Heimweh, das sich noch immer uneingeschränkt nach der Heimat sehnt, weiß das ‚Heimatweh‘ bereits um die Unmöglichkeit der Heimkehr. Das Leiden der Betroffenen wird dadurch zweifellos nicht geringer, aber es vermag seine Herkunft und seine Gründe zu erahnen. Wenn ‚Heimat‘ einer tiefen Vergangenheit angehört, die sich nicht – oder kaum – in der gelebten Gegenwart zeigt, dann ist sie in einer gewissen Weise anwesend und abwesend zugleich. Dies entspricht ein wenig der Metapher des Spiegels, in den wir hineinschauen und einen Raum mit Dingen sehen, die dort nicht existieren – sondern einzig und allein in dem gespiegelten, realen Raum präsent sind. Das, was wir vor dem Spiegel stehend sehen, ist ein illusionärer Raum, ein Raum, auf den wir nicht zugreifen können – der jedoch sehr viel gemeinsam hat mit dem Raum, in dem wir stehen. In etwa entspricht dieses unserem Verhältnis zur Heimat: Die besondere und achtsame Aufmerksamkeit auf ihre anwesende Abwesenheit und damit einhergehend ihrem andauernden Entzug vermag uns für das Phänomen ‚Heimat‘ erst zu sensibilisieren.

Über den Autor

Prof. Dr. Alfred Hirsch lehrt Philosophie an der Universität Witten-Herdecke; zuvor Stationen an der Sorbonne in Paris, der Universität Hildesheim sowie am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen.

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