NOESIS
Über das Leben im Wissen um dessen Ende

27.02.2026

NOESIS
Über das Leben im Wissen um dessen Ende

Zu sehen ist ein Banner vom Newsletter Noesis mit dem Beiträger Dr. Wolfgang Weimer

Im aktuellen NOESIS-Newsletter denkt Dr. Wolfgang Weimer über die großen Fragen rund um Tod und Lebensende nach. Ausgehend von seinem Buch „Wir werden sterben. Ist das gut oder schlecht?“ beleuchtet er biologische Triebe, kulturelle Deutungen und die Möglichkeit einer gelassenen Haltung gegenüber dem Unvermeidlichen.

Im Gespräch mit Dr. Wolfgang Weimer

In Ihrem bald erscheinenden Buch mit dem wunderbar lakonischen Titel „Wir werden sterben. Ist das gut oder schlecht?“ setzen Sie sich mit einer großen Bandbreite an Gedanken zur Endlichkeit des Menschen, ausgehend von vielen Zeitaltern und Traditionen, auseinander. Warum ist es üblich, den Tod als etwas Bedrohliches wahrzunehmen?

Dafür ist zunächst der biologische Selbsterhaltungstrieb verantwortlich, den wir als erfolgreiche Produkte der Evolution in uns tragen. Hinzu kommen der mit dem Tod verbundene Verlust von Selbstbestimmung und Kontrolle sowie die Trennung von allem, was wir lieben. Auch haben viele Menschen eine instinktive Angst vor dem Unbekannten.

Dies alles sind gute Gründe, sich mit dem Thema zu befassen, also zu fragen, ob der Tod wirklich etwas so Schreckliches ist.

 

Wieso sprechen Sie sich dafür aus, die Tendenz eines Todestriebs, wie er von Sigmund Freud einmal erwähnt wurde, nicht ganz abzutun?

Weil ich keine bessere Erklärung für die oft zu beobachtende Tendenz zur Selbstzerstörung in Individuen und Gesellschaften kenne – in milderer Form auch der Wunsch, sich wenigstens auf Zeit selbst loszuwerden, häufig mit Drogen verbunden. Sogar den im Buch behandelten „griechischen Pessimismus“ (dass es besser sei, nicht geboren zu werden) sowie die verschiedenen Erlösungsreligionen (inkl. Askese) verstehe ich leichter, wenn ich von einer solchen Annahme ausgehe: dass etwas in uns uns loswerden möchte und damit einen Gegensatz zum Selbsterhaltungstrieb bildet. In der menschlichen Existenz ist eine Spannung angelegt.

Biologen, welche die Existenz dieses Triebes ablehnen, befassen sich vielleicht zu wenig mit Phänomenen der Kultur.

 

Überlegungen zu Hoffnung und Lebensdauer lassen Sie auch über Glück als Empfindung nachdenken. Erklären Sie bitte noch einmal den Satz: „Glück ist ein Differenzphänomen, das in Abhängigkeit von seinem Gegenteil steht“.

Glück (im weitesten Sinne) und Unglück (im weitesten Sinne) sind Gegensätze, die aufeinander angewiesen sind: Glück wird uns nur als Kontrast, als Differenz zu seinem Gegenteil bewusst. Man muss, beispielsweise, alleine gewesen sein (oder das Alleinsein stark fürchten), um das Glück der Gemeinsamkeit intensiv zu erleben. Insofern Glück die Befriedigung eines Bedürfnisses ist, muss ihm ein Bedürfnis vorangehen. Zudem lässt dieses Glücksgefühl dann im Laufe der Zeit nach – es bleibt nicht unverändert stark. Deshalb ist die Vorstellung eines ewigen Glücks (in ewigem Leben) eine Illusion.

 

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass viele Verteidiger des Rechtes auf Suizid dennoch an sich selbst keinen solchen vorgenommen haben?

Nur eine Vermutung, nämlich die, dass die in Anspruch genommene, durch keine theologischen oder juristischen Einwände beeinträchtigte Möglichkeit, im Ernstfall einer als unerträglich empfundenen Lage diese durch Suizid zu beenden, als solche bereits erleichtert. Das Dasein ist besser zu ertragen, wenn man weiß, dass es im Notfall einen Ausweg gibt: weniger Angst, weniger Schuldgefühle – das beruhigt. Die Tabuisierung des Suizids generiert zusätzliche psychische Probleme.

 

Sie stellen zum Ende Ihrer Überlegungen mit Nietzsche einen Abschied vor „wie Odysseus von Nausikaa, mehr segnend als verliebt“, und eine humorvolle Version, die bis hin zu einem Witz als Grabinschrift reichen kann. Müssen wir angesichts gelingender Bewältigungsstrategien daran erinnern, dass nach uns nicht die Sintflut kommen soll? Birgt, anders gesagt, die Gelassenheit angesichts des Endes für uns persönlich die Gefahr, dass uns die soziale oder ökologische Zukunft des Menschenlebens auf der Erde bereits lange vor unserem Abschied gleichgültig wird?

Das kann man so sehen. Die Gelassenheit gegenüber dem Tod kann zu einer größeren Gleichgültigkeit gegenüber manchen Anliegen der Menschheit führen. Allerdings macht gesellschaftliches Engagement den Tod, das individuelle Ende, nicht weniger unvermeidlich! Außerdem habe ich den Verdacht, dass die meisten Probleme, mit denen wir es heute zu tun haben, nicht durch Gelassenheit (Passivität, wenn man es so nennen will) entstehen, sondern durch starkes Wollen, speziell durch Gier (was man wohl eine Aktivität nennen muss). Wie viele Katastrophen sind schon aus Versuchen entstanden, „die Welt zu verbessern“? Irgendein verschlungener Weg führt von Jesus zu den Kreuzzügen, von Karl Marx zu Stalin.

Insgesamt halte ich das Weniger-Wollen auch gesellschaftlich für eine bedenkenswerte Alternative selbst zum gut gemeinten Mehr-Wollen. Der chinesische Taoismus (den ich in meinem Buch nur streife) zeigt meiner Meinung nach, dass nicht aktiver, sondern passiver Widerstand der bessere Weg sein könnte.

Dies ist freilich nur meine aus Überlegungen resultierende Meinung, und Ihre Frage ist berechtigt – man sollte darüber nachdenken. Sterben werden wir freilich dennoch.

Über den Autor

Wolfgang Weimer, Dr. phil., studierte Philosophie und Geschichte in Köln und promovierte 1977. Bis 2014 Gymnasiallehrer für Philosophie und Geschichte sowie zeitweilig Hochschullehrer für Philosophie. Seit 2015 lebt er im Schwarzwald. Beim Verlag Karl Alber erschien bereits das Buch „Barfußschuhe und Holzeisenbahnen. Unsere paradoxe Kommunikation“, 2023. In diesem Jahr erscheint sein neues Buch „Wir werden sterben. Ist das gut oder schlecht?“.

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