NOESIS
Zum Tod von Bernhard Waldenfels

13.02.2026

NOESIS
Zum Tod von Bernhard Waldenfels

Mit Bernhard Waldenfels verliert die Philosophie einen Denker, der das Fragen nach dem Fremden, nach Antwort und Responsivität zu einem Leitmotiv zeitgenössischer Phänomenologie gemacht hat.
Der von Burkhard Liebsch verfasste Nachruf würdigt ihn als eine prägende Stimme dieses Denkens – und als philosophischen Lehrer, dessen Werk weit über institutionelle und fachliche Grenzen hinauswirkt.

Ein Nachruf von Prof. i.R. Dr. Burkhard Liebsch

Philosophen wissen seit Langem, wie sich, gleichsam verschwistert, Denken und Danken zueinander verhalten, sofern beides nicht ohnehin gleich ganz zusammenfällt. Sie haben zu danken, vielfach zu spät und dann nur noch im Modus nicht terminierter, vielleicht larvierter Trauer, jedenfalls aber nachträglich für zu denken Gegebenes, sei es als Geschenk und Gabe Überlassenes, sei es in der Form einer verwaisten Hinterlassenschaft bloß übrig Gebliebenes.

Waldenfels (1934–2026) wusste darum – sein 1994 veröffentlichtes Antwortregister bezeugt es –, wie sich das Geben des Denkens zwischen Gratis und Umsonst, Gabe und Vergeblichkeit vollzieht. Und er ahnte gewiss, wie es dabei Anderen überantwortet und anvertraut bleiben muss, spätestens wenn der Tod die Quelle des Denkens in unerreichbarer Ferne versiegen lässt und ihm endgültig das Siegel einer radikalen Fremdheit aufdrückt, die als Waldenfels’ großes Lebensthema im Verlauf weiter und verschlungener Denkwege immer wieder zum Vorschein kam, nachdem er sich im Schatten des letzten großen Krieges, vor allem von Merleau-Pontys Philosophie und wie in der Dissertation (1959) vom sokratischen Fragen inspiriert, altphilologisch gelehrt und sprach­lich außerordentlich sensibilisiert dem menschlichen Dialog (1967/1971) zugewandt hatte, um in ihm den Anderen als solchen zu entdecken. Dabei konnte er der Spur von Husserls Cartesianischen Meditationen von 1929 folgen, die Levinas und Gabrielle Pfeiffer Anfang der 1930er-Jahre mit einer bis heute nachwirkenden sozialphilosophischen Wendung nach Frankreich vermittelten, der Waldenfels von seinen vierbändig edierten Grenzgängen zwischen Phänomenologie und Marxismus (1977–1979), seinem Fragen nach dem Spielraum des Verhaltens (1980) und seiner Phänomenologie in Frankreich (1983) an noch über Sozialität und Alterität (2015) hinaus genauso verpflichtet blieb wie zwei Merleau-Pon­ty’schen­ Grundmotiven: einer allem philosophischen Denken voraus- und zugrundeliegenden Nicht-Philosophie und einem fragenden Denken (pensée interrogative), das unserer Erfahrung entstammt, sich aber niemals selbstgerecht einfach auf sie beruft. Erfahrungs- und Geltungsansprüche sind zweierlei, dabei aufeinander angewiesen und nicht aufeinander reduzierbar.

Wie keine andere Phänomenologie hat Wal­denfels’ Denken die Anwaltschaft für eine vom Widerfahrnis (pá­thos) dessen, was uns nicht zu Gebote steht, herausgeforderte Philosophie aus und von menschlicher Erfahrung übernommen, die auch für sie eintritt – nicht zuletzt allen Versuchen gegenüber, sie durch anderes supplementieren, fingieren, simulieren oder gar ersetzen zu wollen. Und wie kein an­derer hat Waldenfels mit zwei umfangreichen, im Wesentlichen von ihm betreuten Buch­reihen (Über­gänge [1983 ff.] und Phänomenologische Untersuchungen [1994 ff.]) den Anschluss an ›erfahrungswissenschaftliche‹ Nachbardisziplinen gesucht und dies in der Zusammenarbeit mit vielen anderen dokumentiert, ohne es der Philosophie gestatten zu wollen, sich monologisch von einer Welt fern zu halten, die, wie er wusste, von tiefgreifendem Dissens und Gewalt zerrüttet erscheint.

Dagegen bot er wie in Verbindung mit der Gesellschaft für bedrohte Völker und im Beirat des Instituts für Genozid- und Dia­sporaforschung diskretes Wirken im Hintergrund, aber kein ideologisches Programm vermeintlicher Lösungen auf. Überschattet wie sein Leben, das seiner Generation und unseres bis heute von der Brutalität einer versuchten »Endlösung« sein musste, insistierte er immerfort auf dem, was ›offen‹ und letztlich ›fremd‹ bleiben muss, sowohl im Verhältnis zur intellektuellen Vorgeschichte, deren behutsamer Restaurierung sich die Übergänge-Reihe im Editorial verpflichtete, wie auch im Verhältnis zu sich selbst, zu Anderen und den Orten, an denen man sich zusammenfindet. »Vor Ort« (so der Titel einer auf das Jahr 1994 zurückgehenden unveröffentlichten Bochumer Festschrift zum 60. Geburtstag aus der Feder vieler, in der Regel weit Jüngerer) sollte man jedenfalls nicht erwarten, eine exklusive Bleibe zu finden. Mehr noch, wie Hölderlin, Rilke und Blanchot gesagt haben: »Bleiben ist nirgends«.

So haben sich denn auch die vielen, die von Waldenfels an der dortigen Universität, wo er seit 1976 lehrte, in Rotterdam, Paris, New York, Rom, Louvain, San José, Prag, Wien, Hongkong und anderswo lernen durften, wieder in alle Winde zerstreut, ohne je eine Art identitäre Gefolgschaft zu bilden, die die Philosophie des großen Phänomenologen ohnehin konterkariert hätte. Gleichwohl sah sie sich der Versuchung ausgesetzt, die Form einer Lehre anzunehmen, die am Ende bewacht werden müsste, um sie vor unbedachten Adaptionen ebenso in Schutz zu nehmen wie vor befremdlichen Missinterpretationen und leichtfertigen Generalisierungen. Darin liegt ein tiefes Paradox: in der Form einer Xenologie, einer Lehre vom Fremden, wie sie Waldenfels immer wieder zugeschrieben wurde, etwas ganz Eigenes zur Geltung bringen und hüten zu wollen. Dabei lässt sich gerade das, was er unter Titeln wie Spielraum (1980), Zwielicht (1987), Vielstimmigkeit (1999), Bruchlinien (2002) und Schattenrisse (2006) zur Sprache gebracht hat, am allerwenigsten von irgendjemandem aneignen oder im Eigenen ›aufheben‹. Dagegen empfiehlt es sich, es wieder aus der Hand zu geben, es in den Wind zu schreiben und geradezu wegzuwerfen wie eine Flaschenpost, im Vertrauen darauf, dass jemand anderes sie finden und einer außerordentlichen Aufmerksamkeit für würdig befinden wird. (Jede andere Art der Aufmerksamkeit verdient im Grunde ihren Namen nicht.)

Dass dies bereits geschieht und weiter geschehen wird, scheint angesichts des überaus sprachlich sensiblen und vielfältigen Werkes von Waldenfels gewiss. Vielleicht stiftet es auf diese Weise eine neue Nähe aus größtmöglicher Entfernung, wie sie der Tod besiegelt, um daran zu erinnern, was wir ›in der Zwischenzeit‹ nur allzu leicht vergessen: wie uns Vorgedachtes weiter zu daenken gibt (falls dieser in einer persönlichen Widmung von Waldenfels selbst, möglicherweise nur ver­sehent­lich, nahegelegte Neologismus erlaubt ist), auf Wegen anderswohin, im Vorübergehen, zwischen Geburt und Tod, wo alles darauf ankommt, sich und einander wenigstens nicht ganz zu verfehlen. Im Gegensatz zu allzu emphatischer Rede von Dialog und Verständigung von Buber über Gadamer bis hin zu Habermas hat Waldenfels kein probates Rezept dafür zu bieten. Stattdessen verweist er jede seiner Leserinnen und jeden Interessenten an seinem Werk auf sich selbst, auf den Mut, sich nicht nur im Sinne Kants des eigenen Verstandes zu »bedienen«, sondern zuvor und darüber hinaus den eigenen Sinnen zu trauen, von denen schließlich auch die Künste leben. Freilich gerade nicht, um sich im Rückzug auf sich selbst der eigenen, vielleicht bloß eingebildeten, jedenfalls schon begrifflich widersprüchlichen Autonomie zu vergewissern, son­dern um aufs Neue zu entdecken, was im Ausgang von der (nicht pejorativ aufgefassten) ›Pathologie‹ menschlicher Erfahrung danach verlangt bzw. dahin »drängt«, zur Sprache zu kom­men, wie es Wal­denfels’ Beiträge zur Psychoanalyse (2019) nochmals deutlich gemacht haben. Dabei erwies er sich nach wie vor als zutiefst skeptisch im Verhältnis zu allen Versuchen, die menschliche Erfahrung sowie die ihr verpflichtete Phänomenologie und Hermeneutik, den Dialog und den Diskurs normativen Ansprüchen unterwerfen zu wollen.

So verständlich es nach dem Desaster des sogenannten Dritten Reiches in Deutschland anmuten mag, mit Horkheimer und Adorno, Habermas, Wellmer und vielen anderen, die man der ersten, zweiten oder dritten Schülerschaft der Frankfurter Schule zuschreibt, auch das philosophische Denken im Namen einer rechtstaatlich verfassten Demokratie konsequent zu politisieren, so sehr fürchtete sich Wal­den­fels doch vor jedem überzogenen Normativismus wie auch vor einer überhandnehmenden Normalisierung unseres Lebens generell, die vergessen lässt, dass nur das normalisiert werden kann, was nicht von sich aus schon normal ist und es niemals ganz werden kann. So stößt er überall auf Risse und Lücken, auf Brüche, Aporien und Paradoxien, die eben deshalb ironischerweise ebenfalls als derart ›normal‹ erscheinen können, dass man sich fragt, ob uns überhaupt anderes übrig bleibt, als sie hinzunehmen. So oder so wird man dem phänomenologisch Vorgedachten auf gewisse Weise untreu werden müssen, gerade wenn man die Überzeugung doppelsinnig teilt, dass es zwischen einer angeblich weitgehend sinn-indifferenten Realität und normativer Sinnstiftung weiterhin ein »Zwisch­en­reich« der Erfahrung zu erkunden gilt, das weder einfach vorhanden noch auch präskriptiv zu regeln ist und sich nur ›übergangsweise‹ als solches darstellt – zuletzt im Übergang in die radikale Antwortlosigkeit des Verschiedenen, von der jeder gescheiterte Dialog, jedes ausgebliebene Wort wie auch die schiere Endlichkeit und Fehlbarkeit leiblicher Res­pon­sivität immer schon hat einen Vorgeschmack geben müssen.

Ob es sich unabänderlich so verhält, dass wir in diesem Sinne »vorwärts leben« und allenfalls »rückwärts verstehen«, wenn es bereits zu spät ist, einzusehen, wie wir zuvor hätten zusammenleben und -arbeiten sollen, wie es Kierkegaard und Kant angedeutet haben, steht dahin. Nicht zuletzt in dieser Frage wird für die Überlebenden der Stachel des Fremden (1990) – diesmal des Todes, dieses Todes – liegen: ob sie sich rechtzeitig bzw. aufs Neue, in der ihnen verbleibenden Zwischenzeit, auf den inneren Zusammenhang von Denken und Danken besinnen, um weiterzugeben, was doch niemand für sich selbst behalten kann. Philosophie wäre demnach nur als besitzlose möglich und Häresie die rechte Form, ihr in Wahrheit treu zu bleiben, im unaufhebbaren Dissens mit sich selbst. Ich glaube im Rückblick auf eine nunmehr genau sieben­unddreißig Jahre zurückliegende, entscheidende persönliche Begegnung, dies würde Bernhard Waldenfels’ posthume Zustimmung finden.

Über den Autor

Prof. i.R. Dr. Burkhard Liebsch lehrte bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand als Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Gewaltforschung, Kulturtheorie, Lebensformen, Sensibilität, Europäisierung, Erfahrungen der Negativität sowie Geschichte und Hermeneutik des menschlichen Selbst. Liebsch befasst sich besonders mit „negativen“ Verwerfungen des Sozialen, mit Brüchen und unaufhebbaren Gewaltsamkeiten, die es mit sich bringt. Er begleitete Waldenfels über 6 Jahre als Assistent und veröffentlichte 2001 den Band „Vernunft im Zeichen des Fremden. Zur Philosophie von Bernhard Waldenfels.“

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