Quo vadis, Demokratie?
Die neue Macht von Online-Communities

05.08.2026

Quo vadis, Demokratie?
Die neue Macht von Online-Communities

Zu sehen ist ein Banner vom Newsletter mit der Beiträgerin Mirijam Wiedemann.

Im Gespräch mit Mirijam Wiedemann

In der neuen Ausgabe von Quo vadis, Demokratie? sprechen wir mit Mirijam Wiedemann, Autorin und Expertin für Weltanschauungsfragen, Bildung sowie religiös-weltanschauliche Radikalisierungsprozesse. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sektenartige Online-Communities Einfluss auf Kinder und Jugendliche gewinnen, welche Risiken daraus entstehen und warum Prävention heute neu gedacht werden muss.

 

Sie sprechen in Ihrem Beitrag von „sektenartigen Online-Communities“. Wodurch zeichnen sich diese aus?

Sektenartige Online-Communities weisen Merkmale auf, die aus der Sekten- und Radikalisierungsforschung bekannt sind. Häufig finden sich hierarchische Strukturen, klare Rangordnungen, ritualisierte Aufgaben sowie ein religiöser, weltanschaulicher oder ideologischer Unterbau. Gleichzeitig kommen Manipulationsmechanismen wie Gruppendruck, Trauma-Bonding, FOMO oder Gamification-Elemente zum Einsatz, um emotionale Bindungen und Abhängigkeiten aufzubauen. In einigen Communities spielen zudem Gewalt, Selbstschädigung oder gewaltbezogene Herausforderungen eine Rolle. Gerade dieser ideologische und gruppenbezogene Charakter unterscheidet viele dieser Communities von klassischen Formen des Cybergrooming.

Warum richten sich diese Communitys gezielt an Kinder und Jugendliche – und was macht diese Zielgruppe für solche Gruppen besonders attraktiv?

Kinder und Jugendliche befinden sich in einer Phase der Identitätsentwicklung, in der Zugehörigkeit, Orientierung und Anerkennung eine wichtige Rolle spielen. Viele dieser Gruppen bieten scheinbar Antworten auf Fragen nach Identität, Gemeinschaft und Sinn. Sie bieten vermeintlichen Halt und Zugehörigkeit, nutzen diese Bindung jedoch häufig, um Einfluss und Kontrolle aufzubauen. Digitale Plattformen erleichtern diesen Prozess, da Beziehungen schnell entstehen und Manipulationsstrategien oft lange unbemerkt bleiben.

Welche Folgen kann es für eine demokratische Gesellschaft haben, wenn junge Menschen ihre sozialen Bindungen und ihr Weltbild zunehmend in abgeschotteten Online-Communities entwickeln?

Problematisch wird es dann, wenn junge Menschen ihr Weltbild überwiegend innerhalb abgeschotteter digitaler Gemeinschaften entwickeln und alternative Perspektiven kaum noch wahrnehmen. Solche Dynamiken können ideologische Vereinnahmung, Radikalisierung und gesellschaftliche Polarisierung begünstigen. Wir können hier auch von einem Filterblaseneffekt sprechen: Je stärker sich soziale Beziehungen, Informationsquellen und Identität auf eine einzelne Gemeinschaft konzentrieren, desto größer wird die Gefahr, dass bestehende Überzeugungen fortlaufend verstärkt werden. Langfristig kann dies Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben.

Welche Rolle spielen soziale Medien und digitale Plattformen dabei, dass der Einfluss dieser digitalen Gemeinschaften wächst?

Digitale Plattformen schaffen die Voraussetzungen für die Entstehung und Verbreitung solcher Gemeinschaften. Dabei spielen nicht nur soziale Medien eine Rolle, sondern zunehmend auch Gaming- und Kommunikationsplattformen wie Discord, Telegram oder Roblox. Geschlossene Gruppenräume, permanente Erreichbarkeit und algorithmische Vernetzung erleichtern es, emotionale Bindungen aufzubauen und Gruppendynamiken zu verstärken. Gleichzeitig können Anonymität und geschlossene Kommunikationsräume dazu beitragen, dass problematische Entwicklungen lange unentdeckt bleiben.

Reichen bestehende Bildungs- und Präventionsangebote aus, um Kinder und Jugendliche auf solche Manipulationsversuche vorzubereiten, oder sehen Sie hier politischen Handlungsbedarf?

Aus meiner Sicht reichen die bisherigen Präventionsansätze nicht mehr aus. Viele Programme wurden ursprünglich für Phänomene wie Cybermobbing oder Cybergrooming entwickelt. Bei sektenartigen Online-Communities haben wir es jedoch mit einem eigenständigen Phänomen zu tun, das sich durch gruppenbezogene Manipulation, psychologische Abhängigkeit und häufig auch durch religiöse, weltanschauliche oder ideologische Einflussnahme auszeichnet. Deshalb greifen klassische Präventionsansätze gegen Cybergrooming allein zu kurz. Wir müssen diese Entwicklungen zunehmend auch als Form digitaler Gewalt verstehen. Medienpädagogische Angebote sind wichtig, reichen aber allein nicht aus. Um psychologische Abhängigkeit, ideologische Einflussnahme und sektenartige Gruppendynamiken zu erkennen und einzuordnen, braucht es zusätzliche Expertise. Deshalb braucht es Fachpersonen und Beratungsstellen, die sich mit sektenartigen und ideologischen Gruppierungen sowie deren Manipulations- und Abhängigkeitsmechanismen auskennen. Ich beobachte allerdings mit Sorge, dass die Entwicklung bundesweit aktuell in die entgegengesetzte Richtung geht. Gerade in Bereichen, die sich mit religiös-weltanschaulichen Konflikten, Sektenstrukturen und psychologischen Abhängigkeitsverhältnissen befassen, werden Beratungsangebote reduziert, Stellen nicht nachbesetzt oder spezialisierte Expertise abgebaut. Angesichts der zunehmenden Bedeutung digitaler Gemeinschaften und neuer Formen psychologischer Manipulation halte ich diese Entwicklung für problematisch.

Welche Fähigkeiten sollten junge Menschen entwickeln, um sich in digitalen Räumen gegen emotionale Manipulation und antidemokratische Einflussnahme besser schützen zu können?

Medienkompetenz ist wichtig, greift aus meiner Sicht aber allein zu kurz. Kinder und Jugendliche sollten auch verstehen, wie sektenartige Strukturen, manipulative religiös-weltanschauliche Gemeinschaften und ideologische Gruppen funktionieren – sowohl im digitalen als auch im analogen Raum. Dazu gehört, Warnsignale frühzeitig zu erkennen, etwa Abschottungstendenzen, übermäßigen Gruppendruck, exklusive Wahrheitsansprüche oder die schrittweise Kontrolle von Denken und Verhalten. Ebenso wichtig ist es, Manipulationsstrategien, psychologische Abhängigkeitsmechanismen und emotionale Vereinnahmungsprozesse zu erkennen und einordnen zu können.

Im Interview

Mirijam Wiedemann ist Autorin und Expertin für Weltanschauungsfragen, Bildung sowie religiös-weltanschauliche Radikalisierungsprozesse. Von 2017 bis 2025 leitete sie die landesweite Geschäftsstelle für gefährliche religiös-weltanschauliche Angebote im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg. Kürzlich verfasste sie den Beitrag Zwischen Spiel und Gefahr. Sektenartige Strukturen und Gewalt in Online-Communitys in der Zeitschrift für Religion und Weltanschauung (ZRW).

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