29.10.2026

NOESIS
Die Medizin muss wieder menschlicher werden

Zu sehen ist ein Banner vom Newsletter Noesis mit dem Beiträger Prof. Dr. Giovanni Maio

In der neuen Ausgabe von NOESIS sprechen wir mit Prof. Dr. Giovanni Maio über die grundlegenden Werte der Medizin in einer Zeit technologischer und gesellschaftlicher Umbrüche. Er erläutert, warum Heilberufe mehr Freiräume brauchen, welche Risiken eine zunehmende Ökonomisierung birgt und weshalb menschliche Urteilskraft auch im Zeitalter der KI unverzichtbar bleibt.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Giovanni Maio

Worin besteht für Sie die größte Herausforderung, die die moderne Medizin in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zu bewältigen hat?

Die größte Herausforderung wird darin liegen, dass die Medizin zurückfinden muss zu ihrer ursprünglichen Identität, eine soziale Errungenschaft zu sein. Der soziale Charakter der Medizin ist ins Hintertreffen geraten, sodass wir eine zunehmende Entfremdung der Medizin von ihrer zwischenmenschlichen Identität erleben. Medizin ist nur denkbar in der Verknüpfung von Wissenschaftlichkeit und Zwischenmenschlichkeit. Die Herausforderung der Zukunft besteht darin, die Säule der Zwischenmenschlichkeit wieder neu aufzurichten, denn ohne das Zwischenmenschliche verkommt die Medizin zu einem Reparaturbetrieb ohne Seele.

Kommen wir zur Philosophie: In Ihrem aktuellen Buch sprechen Sie von „Werten in der Medizin“. Bekanntlich stammt der Wertbegriff aus der Ökonomie, aber auch in der Politik ist oft von „unseren westlichen Werten“ etc. die Rede.

Welche Rolle spielen „Werte“ bzw. der Wertbegriff in Ihrer Profession, der Medizin bzw. der Medizinethik? Gibt es genuin „medizinische Werte“, die ewig oder veränderlich sind? Wenn Letzteres gilt: Gibt es gegenwärtig eine Wertverschiebung oder sogar eine Umwertung der Werte in der Medizin? Ihr Buch scheint dies nahezulegen.

Ja, wir erleben eine gewaltige Wertverschiebung. Das ist der Anlass zu diesem Buch. Die Medizin wird immer weiter umprogrammiert zu einem Dienstleistungsbetrieb mit einer ihm eigenen betrieblichen Logik, die in ein Spannungsfeld gerät zur inneren Logik der Medizin, die ich als eine Logik der Sorge bezeichnen möchte. Dort, wo die Medizin nur noch hantiert und operiert, ohne sich als eine Praxis gelebter Sorge zu verstehen, entfernt sie sich von dem, was sich alle Menschen von der Medizin erhoffen, nämlich eine Zufluchtsstätte für Situationen der Not und Bedrängnis zu sein. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, die Identität der Heilberufe herauszuarbeiten und darzulegen, welche Ausrichtung in dieser Identität verankert sein muss. Das Nachdenken über die inneren Werte der Medizin ist erwachsen aus der Einsicht in das Bedrohtsein dieser Werte in einer Gesellschaft, die eher einer Egologik folgt als einer genuin sozialen Logik.

Nach Kant hat der Mensch bekanntlich keinen Preis – er hat also keinen messbaren oder angebbaren Wert –, sondern eine Würde. Sieht die heutige Medizin den menschlichen Patienten heute noch in diesem Sinne? Oft ist der doch – vor allem für die immer mächtiger werdenden Gesundheitsökonomen – eine Nummer oder ein Kostenfaktor? Und wie verhält es sich mit dem medizinischen Personal, das immer mehr den Eindruck haben kann, dass es nicht mehr in einem Krankenhaus, sondern in einem industriellen Unternehmen arbeitet?

Wir können stolz auf einen solchen Denker sein, denn Immanuel Kant hat das Denken und das Bild des Menschen revolutioniert. Mit einer neuen Begründung und Ausformulierung der Menschenwürde hat Kant eine Grundlage geschaffen, die für uns alle auch heute noch und heute mehr denn je richtungsweisend zu sein hat. Der Mensch hat einen inneren Wert. Diese Überzeugung Kants ist von so unschätzbarem Wert, denn dadurch gerät unsere Verpflichtung, die wir anderen gegenüber haben, ganz deutlich ins Blickfeld. Niemand darf zu einem Objekt gemacht werden, niemand verliert seinen inneren Wert, jeder Mensch bleibt, solange er lebt, etwas ganz Besonderes, etwas ganz Kostbares, etwas Unverwechselbares, etwas Unvertretbares. Das ist so eine schöne Basis für eine Medizin, die sich dem Menschen verschreibt. Die Medizinstudierenden werden schon in ihrem Studium nicht primär mit diesem Menschenbild konfrontiert, sondern mit einem eher mechanistischen Bild des Menschen, bei dem der Mensch reduziert wird auf das an ihm Verobjektivierbare. Dementsprechend sind auch die Abläufe in den Kliniken zu Fließbandabläufen degradiert worden. Hier müssen wir umdenken und die Medizin so ausgestalten, dass in ihr nicht primär das Reparaturparadigma vorherrschend wird, sondern dass deutlich wird, dass die Medizin nur dann gut operieren kann, wenn sie vorher in die Beziehung zum Patienten investiert hat. Medizin ist keine Reparaturdisziplin, sondern sie ist primär Beziehungsarbeit. Dafür müssen wir neu sensibilisieren und die Abläufe entsprechend umstrukturieren, damit in der gesamten Medizin eine neue Atmosphäre verständigungsorientierter Arbeit gestiftet werden kann.

Unser Gesundheitssystem steht – auch aus demografischen Gründen – unter einem enormen Kostendruck. Wie schätzen Sie das ein? Welche Reformen müssten angegangen werden und welche Werte und Tugenden müssten wiederentdeckt werden, um einen Kollaps zu verhindern? Welchen Beitrag kann die Philosophie und Medizinethik hier leisten?

Von Kostendruck ist schon seit den 1980er-Jahren des letzten Jahrhunderts die Rede. Wir sollten uns dieser Rhetorik nicht anschließen. Selbstverständlich sind alle Leistungen in der Medizin einer Knappheit unterworfen, wie alles, was eben kostbar ist. Und das, was in der Medizin zur Verfügung gestellt wird, ist extrem kostbar, geht es doch um ein gutes Leben, ja häufig um Leben und Tod. Wir brauchen Reformen, die anerkennen, dass wir in langen und aufwendigen Studiengängen Professionen ausbilden, denen beigebracht wird, mit komplexen Problemen souverän und zielsicher umzugehen. Diesen Professionen müssen wir wieder mehr Freiraum geben, anstelle sie mit professionsfremden Regularien und Handreichungslogiken zu versehen. Was wir heute erleben, ist eine Überregulierung und Überformalisierung des Alltags der Heilberufe, was einer sukzessiven Deprofessionalisierung der Heilberufe gleichkommt. Daher brauchen wir eine neue Ausrichtung der Medizin: Wir sollten die gegenwärtige Ausrichtung der Medizin am Kriterium der Lukrativität ersetzen durch eine Ausrichtung am Kriterium der Professionalität, denn nur die Professionen können den Komplexitätsgrad, den Patienten mit sich bringen, souverän bewältigen, und daher sollten wir den Heilberufen ermöglichen, das, was sie im Studium gelernt haben, dann auch in die Praxis umzusetzen. Wir müssen der zunehmenden ökonomischen Überformung der Heilberufe entschieden ein Ende setzen, im Interesse der Patienten und im Interesse der Gesundheit der Heilberufe selbst.

Wie Sie wissen, spielt heute auch das Thema der Künstlichen Intelligenz eine gewichtige Rolle in der Medizin: Chatbots in der Patientenaufklärung, KI-gestützte Bildgebungsverfahren und Operationssäle, ML-Modelle, die bei der Medikamentenentwicklung eingesetzt werden; diese Liste ließe sich beliebig erweitern. Ist KI ein Gamechanger für die Bewältigung der Herausforderungen (siehe 4) oder entstehen mit dem Einsatz von KI neue Probleme bzw. werden bestehende Probleme sogar verschärft? Welche Werte müssten hier im verantwortungsvollen Umgang mit KI besonders betont werden?

Die Künstliche Intelligenz ist ja schon vom Begriff her falsch. Man kann hier nicht von Intelligenz sprechen. Daher erleben wir heute die Tendenz, das, was die KI kann, enorm zu überschätzen. Wir denken alle, dass die KI alle Probleme lösen kann. Man brauche eben einfach nur mehr Daten, und so würden dann die Daten für sich sprechen und alle denkbaren Fragen beantworten können. Dem ist aber nicht so. Die KI kann nur die Fragen beantworten, die sich über Daten beantworten lassen. Dort, wo es um Dinge geht, die nicht in Daten erfasst werden können, bleibt die KI blind. Das ist sehr wesentlich, denn die KI kann zwar Daten schneller berechnen als der Mensch, aber sie versteht nicht, was sie rechnet. Sie rechnet einfach verstehensblind. Und so scheidet all das aus der Berechnung aus, was sich nicht über Daten erfassen lässt, nämlich all das, was mit Sinn und Bedeutung zu tun hat. Die KI ist ein sehr nützliches Hilfsmittel, aber sie ist nicht die Lösung aller Probleme. Erst das Zusammenwirken von Mensch und KI wird die Probleme lösen können. Daher bedeutet die Implementierung der KI nicht etwa die Relativierung der Notwendigkeit der menschlichen Urteilskraft, sondern im Gegenteil brauchen wir im Zeitalter der KI die menschliche Urteilskraft dringender denn je, denn nur ein Mensch kann wirklich verstehen, wie es einem anderen Menschen geht. Daher sollten wir die Patienten nicht einfach der KI überlassen, sondern Ärzten, die gelernt haben, besonnen mit der KI umzugehen.

Im Interview

Giovanni Maio ist Professor für Bioethik und Medizinethik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sowie Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin. Zudem ist er Mitglied des Direktoriums des Interdisziplinären Ethik-Zentrums Freiburg. In seiner Forschung beschäftigt er sich insbesondere mit Fragen der Medizinethik, insbesondere mit den Herausforderungen einer zunehmend ökonomisierten Medizin.

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