Personalmangel, und wie weiter?

15.07.2026

Personalmangel, und wie weiter?

Zu sehen ist der Header zum Thema Sozialrecht und Sozialwesen mit dem Autor Prof. Dr. Georg Kortendieck

von Prof. Dr. Georg Kortendieck

Expansion des Arbeitsmarkts Sozialwesen

Nach Jahren starker Expansion kommt der Arbeitsmarkt im Sozialwesen an Grenzen: es herrscht ein Fachkräftemangel. 2021 verzeichnete die Bundesagentur für Arbeit 3 Millionen Beschäftigte im Sozial- und Gesundheitswesen (8 % aller sozialversicherungspflichtiger Personen). 10 Jahre zuvor waren es noch 2,1 Millionen bzw. 7,3 % der Beschäftigten. Besonders gestiegen sind die Beschäftigtenzahlen im Bereich der Altenpflege und der Kindertagesbetreuung. Von 2011 bis 2021 stieg die Anzahl der Beschäftigten in der stationären und ambulanten Pflege von ca. 850.000 auf 1.257.000 Personen an (Destatis, 2025: Engpassberufe: Pflegefachkräfte verdienten im April 2023 überdurchschnittlich). Hinzu kommt, dass allein bis 2026 ca. 13 Millionen Erwerbspersonen das Renteneintrittsalter erreichen. Maximal 8,4 Millionen Personen zwischen 15 und 25 Jahren rücken nach.

Fachkräftemangel

Damit verschärft sich der Fachkräftemangel im Sozialwesen in den nächsten Jahren weiter. Infolge des starken Ausbaus an Leistungen in allen Bereichen des Sozialwesens kommt die Heranführung von zusätzlichen Fachkräften durch Ausbildung und Studium der weiterhin starken Nachfrage nicht nach. Der „leergefegte“ Arbeitsmarkt führt zu Arbeitsverdichtungen und schafft Versorgungslücken. Sinkt die Auslastung so, dass Fixkosten nicht mehr verdient werden, drohen Leistungskürzungen, die Konzentration auf attraktive Maßnahmen oder gar die Schließung von Betriebsstellen, um weitere Verluste zu vermeiden. Die Leistungserbringer handeln im Auftrag von (meist) staatlichen Leistungsträgern, die dem Grundsatz der Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit bei ausreichender Versorgung unterliegen und danach handeln. Sie müssen ein Zuviel an betreuendem Personal vermeiden. Gründe für den erheblichen Anstieg der Leistungsnachfrage sind Ausweitung der Ansprüche (Kinderbetreuung, Pflege), Verbesserung der Betreuungssituation durch bessere Personalschlüssel, demografisch bedingte Mehrnachfrage (Pflege, Gesundheit) oder die Zunahme des Bedarfs infolge von Flucht und Vertreibung. Die Arbeitsnachfrage folgt der Nachfrage nach sozialen Dienstleistungen und der damit verbundenen Finanzierung. Wenn gleichzeitig die Deckungsbeiträge sinken, bleiben kaum noch Ressourcen für gesellschaftliche, nicht befriedigte Bedarfe. Trägermittel, Spenden und Gewinne mögen einen Teil des eigenen Angebots finanzieren, wenn hauptamtliches Personal miteingesetzt wird. Gewinne werden als Risikopuffer als Grundlage für Investitionen benötigt und sichern sichere und zukunftsträchtige Arbeitsplätze.

Reaktionen auf den Fachkräftemangel

Die Gehälter im Sozialen Bereich sind bspw. im Pflege- und Kitabereich deutlich gestiegen: Bei Pflegefachkräften 2017 bis 2020 um 20 %, bei Fachkräften insgesamt um 14 % (Bundesagentur für Arbeit, 2024: Blickpunkt Arbeitsmarkt Akademikerinnen und Akademiker).
 
Im Pflegebereich wurde die starre Fachkraftquote von 50 % aufgebrochen und durch eine differenzierte Fachkraftquote ersetzt. Dies könnte ein Weg sein, angemessen auf die unterschiedlichen Bedarfe zu reagieren und dabei mehr Stellen als bislang möglich zu besetzen. Der (vermehrte) Einsatz von freiwilligen Mitarbeitenden (Ehrenamtlichen) zur Erfüllung nicht befriedigter Angebote stößt zusätzlich auf fachliche Einwendungen (Stichwort: Deprofessionalisierung). Die Motivation und der Einsatz von Ehrenamtlichen ist ein bedeutender Ressourcenvorteil der gemeinnützigen Sozialwirtschaft. Sollen die Freiwilligen lediglich eine Ergänzungsfunktion für die professionellen Mitarbeitenden sein? Solange eine Leistung nicht von Staat finanziert wird, ist es schwer professionelle Standards einzuhalten. Zentrale Stellschrauben sind längst gedreht: Mehr Werbung, mehr „New Work“, mehr Gehalt und Nebenleistungen, mehr Anwerben ausländischer Arbeitskräfte. Digitalisierung der Prozesse und Einsatz von Künstlicher Intelligenz können vielleicht den Fachkräftemangel lindern. Aber diese Maßnahmen zehren an den geringen Deckungsbeiträgen.

Lösungsansätze

Um den sich verstärkenden Personalmangel im Sozialwesen nennen Hohendanner et al. (Vor dem Kollaps!? Beschäftigung im sozialen Sektor, empirische Vermessung und Handlungsansätze, 2024: 65 ff.) politische Maßnahmen: Benennen und bewerten (Priorisierung) der künftigen Versorgungslücken und die Gesellschaft darauf vorbereiten, Sorgearbeit neu diskutieren und gerechter aufteilen, Anreize für Vollzeitarbeit durch eine Reduzierung der Abgaben- und Steuerlast, Bürokratie abbauen und das Ehrenamt fördern. Ein Weg kann sein, auf die (professionelle) Stärkung der Sorgetragenden zu setzen, um den Menschen zu helfen.

Prof. Dr. Georg Kortendieck ist Professor für Betriebswirtschaft im Sozialen Bereich und Studiengangsleiter berufsbegleitender Weiterbildungs-Master Sozialmanagement an der Ostfalia Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel. Sein gemeinsam mit Prof. Andrea Hirschfeldt herausgegebenes Buch Personalmanagement – Personalentwicklung erscheint in Kürze in 2. Auflage im Nomos Verlag.