Prozessmanagement in der Sozialwirtschaft aus Kundensicht weiterentwickeln

25.06.2026

Prozessmanagement in der Sozialwirtschaft aus Kundensicht weiterentwickeln

von Prof. em. Dr. Paul Brandl

Was kommt nach dem Optimieren von Prozessen?

Bisher ging es bei Dienstleistungen beim Optimieren der Arbeitsprozesse um das „Beseitigen von Verschwendung“. Ausgerichtet auf die Kund:innen werden mit den „neun Formen der Verschwendung“ punktuelle Maßnahmen für kontinuierliche, systematische Verbesserung gesetzt. Das Ende dieser Fahnenstange ist eine neue Sichtweise durch das Ausrichten der Prozesse auf den Nutzen von Dienstleistungen aus der Sicht der Kund:innen. Dies setzt neue Instrumente zum Analysieren und Ausrichten auf den Nutzen der Kund:innen und den adaptierten Urzweck einer Dienstleistung voraus.

Von der Kundenorientierung zum Kundennutzen

Zum Ausarbeiten des Kundennutzens benutzt man mehrere Instrumente, beginnend bei den Personas zur möglichst präzisen Beschreibung von realen Nutzer:innen. So wird etwa der alte Mensch in Gestalt von fünf fiktiven Personen mit abnehmender Mobilität veranschaulicht. Diese Personas werden nach Beobachtungen und Interviews möglichst genau beschrieben. So kann man sich besser in die Perspektive der Nutzer:innen und deren Bedürfnisse hineinversetzen und diese verstehen. Den Personas werden die Umgebung sowie menschliche Eigenschaften wie Bedürfnisse, Motivationen, Frustrationen, Verhaltensweisen etc. zugeordnet. Bei der Gestaltung der Dienstleistungen hilft dies, nutzer:innenzentrierte Entscheidungen zu treffen, indem man deren Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt. Beispiele dafür sind Klient:innen der mobilen Altenbetreuung und -pflege in einer bestimmten Region oder auf eine Strahlenbehandlung wartende Krebspatient:innen in unterschiedlichen Krankheitsstadien oder Patient:innen, die nach einem Oberschenkelhalsbruch versorgt werden müssen.

Ausrichten auf den Prozesszweck

Im nächsten Schritt gilt es, das Gestalten von Dienstleistungen neu zu denken. Im Rahmen des „Service Design“ versucht man den zukünftigen Sinn und Zweck zu ergründen und mit den zukünftigen Bedürfnissen der Klient:innen zu verbinden. Daraus wird ein Zielbild realisiert, das die Grundlage für neue Dienstleistungen aus der Sicht der Klient:innen bildet. So entstehen gedanklich die zukünftigen Dienstleistungen. Schrittweise lässt sich daraus ein Prototyp zusammenstellen und erproben. Letztlich erfolgt ein „Ausrollen“ der neuen Dienstleistung.
 
Mit der „Quadromo-Methode“ gelangt man mit vier Phasen zu dieser Dienstleistung: Eingangs beschreibt man mit der Zielkultur und den erarbeiteten Personas einer Zielgruppe die Bedürfnisse und Anforderungen an Prozesse und Dienstleistungen (= voraussichtlicher Nutzen). Davon lassen sich die Versorgungsprozesse (mit Varianten) für die jeweiligen Personas samt Lieferanten, Dienstleistern und Klient:innen ableiten. Die Voraussetzungen sind geschaffen, um die notwendigen Ressourcen festlegen zu können. Auch Eigenleistungen der Klient:innen und Unterstützungsleistungen von Angehörigen können integriert werden. Die Voraussetzungen für die Berechnung von Varianten für die voraussichtlichen Kosten als Entscheidungsgrundlage können somit beleuchtet werden.

Lösungen aus der Zukunft heraus schrittweise entwickeln

Ausgehend vom adaptierten Sinn und Zweck einer Dienstleistung und orientiert an der U-Theorie von Scharmer wird eine Kultur der zukünftigen Zusammenarbeit entwickelt, die über das reine „Problem verstehen“ und das „Lösungen entwickeln“ bis zur Umsetzung der geplanten Dienstleistung hinausgeht. Man gelangt so mit einer zukunftsorientierten Unternehmenskultur der Zusammenarbeit zu einer neuen Qualität von Dienstleistungen – ausgerichtet auf einen gemeinsamen Nutzen.

Dr. Paul Brandl ist emeritierter Professor und Autor für das Veränderungs- und Prozessmanagement in der Sozialwirtschaft. Sein Buch Prozessmanagement in der Sozialwirtschaft ist im Nomos Verlag erschienen.