Demokratiebildung und nachhaltige Finanzierung in ländlichen Räumen unter Druck

25.06.2026

Demokratiebildung und nachhaltige Finanzierung in ländlichen Räumen unter Druck

von Prof. Dr. Stefanie Kessler und Matthias Kachel

Träger der Demokratieförderung im ländlichen Raum stehen vor großen Herausforderungen – einerseits angesichts fortschreitender rechter Landnahme, andererseits unter Bedingungen kommunalpolitisch mitverursachter finanzieller und personeller Engpässe. Das Thema „Autoritäre Verschiebungen des Sozialen. Demokratiefeindliche Entwicklungen und Eingriffe in Kontexten Sozialer Arbeit“ stand im Fokus der Jahrestagung der DGSA (Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit). Exemplarischer Ausgangspunkt bildete dabei eine Situations- und Ressourcenanalyse für die Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Altenburger Land, die Stefanie Kessler, Aline Fuß und Vivien Dos Anjos erstellt haben.

Soziale Arbeit im ländlichen Raum im Krisenmodus

In Gruppendiskussionen berichteten lokale zivilgesellschaftliche Akteur*innen von gesellschaftlicher Spaltung im Landkreis und davon, dass man „nicht mehr miteinander rede“ und Verantwortung für die Entwicklung der lokalen Gemeinschaft auf diffuse „Andere“ verschoben werde. Hierzu zählten sie auch ein unter Bürger*innen wahrgenommenes Beteiligungsverständnis, das vor allem mit „gehört und einbezogen werden“ verbunden ist; bleiben eigene Anliegen in politischen Entscheidungen unberücksichtigt, entsteht rasch der Eindruck, die eigenen Interessen würden ignoriert. Verstärkt wird dies durch eine aus Sicht der Beteiligten unzureichend transparente und nachvollziehbare Kommunikation kommunalpolitischer Entscheidungen. Analytisch lässt sich das Erleben der Engagierten angesichts fortschreitender rechter Landnahme, persönlicher Bedrohungen und Angriffen seitens Rechtsextremisten und rechter Parteien als Krisenmodus fassen, der von Ohnmacht, Ratlosigkeit, Belastung und Erschöpfung geprägt ist. Insgesamt wurden diese Entwicklungen als Krise und als Gefahr für die Demokratie wahrgenommen.
 
Die Krise rührt auch daher, dass es an Routinen und Strukturen für langfristige ehrenamtliche Arbeit am Gemeinwohl mangelt. Ehrenamtliche müssen häufig allein gegen Verunsicherungen und Hinterfragungen von rechts agieren und argumentieren. Engagementbereiche, in denen es nicht in erster Linie um politische Positionierungen, sondern um gegenseitige Unterstützung geht, werden von Rechten „unterwandert“, da ländliche Kommunen aufgrund des Rückzugs des Sozialstaats und des Fachkräftemangels dankbar für jede*n Freiwillige*n sind. So versuchen sich Rechts-extreme als „ganz normale“ Bürger*innen darzustellen und sich so geschwächte, demokratische Positionen zum Ausbau ihrer Einflusssphäre und Verbreitung ihrer Haltungen zunutze zu machen.

Gemeinwesenarbeit als transformativer Impuls

Ansätze der Gemeinwesenarbeit können an genau dieser Krisenerfahrung und dem Gefühl fehlender (Selbst-)Wirksamkeit ansetzen. Sie verstehen Menschen als politische Subjekte, schaffen fortlaufend Räume für Begegnung, Aushandlung und Reflexion und unterstützen sie dabei, eigene Interessen zu artikulieren und Verantwortung im Sozialraum zu übernehmen. Über aktivierende Bürger*innenbefragungen und die Förderung von Engagement bei der Bearbeitung lokaler Bedürfnisse stärken sie demokratische Aushandlungsprozesse und Selbstwirksamkeit. Darin liegt eine Umkehr der Logik: Statt sich an rechter Landnahme abzuarbeiten, rückt die aktive Gestaltung eines demokratischen Gemeinwesens in den Mittelpunkt. Gerade in dieser Umkehr wird transformatives Lernen möglich, weil Menschen ihre örtlichen und persönlichen Ressourcen in der gemeinsamen Bearbeitung lokaler Anliegen neu erfahren und ihr eigenes Handeln als wirksam rekonfigurieren können.

Kontinuität für demokratische Bildungsarbeit (finanziell) sichern

Diese Art der demokratischen Unterstützungs- und Bildungsarbeit kann jedoch nicht ohne Ressourcen geschehen. Lokale Demokratieförderung braucht verlässliche und kontinuierliche organisatorische Strukturen und Ressourcen, auf die sie für die Fortbildung ihrer Akteur*innen, die Entwicklung ihrer Anliegen und Projekte sowie die Arbeit mit Kommunen, Verwaltung und anderen Organisationen zurückgreifen können. Während Programme wie „Demokratie leben!“ kurz- und mittelfristig finanzielle und personelle Mittel bieten, sind sie jedoch keine beständige Infrastruktur und binden Ressourcen im Antragswesen und der Rechtfertigung von Maßnahmen. Benötigt werden unbefristete und fluktuationsarme Stellen, die krisenfest agieren können – und ein vertrauensvolles, wertschätzendes Verständnis von Zivilgesellschaft durch die Finanzierenden.

Stefanie Kessler ist Professorin für Soziale Arbeit am IU Campus Hannover und Sprecherin der Sektion Politik Sozialer Arbeit der DGSA.
Matthias Kachel ist Lecturer am Department Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Salzburg und arbeitete von 2016 bis 2025 im Caritas Freiwilligen-Zentrum München Mitte in der Engagementberatung und -förderung. Der Beitrag basiert auf einem Vortrag auf der DGSA-Jahrestagung an der Fachhochschule Niederrhein in Mönchengladbach am 24./25.4.2026.