Leseprojekte mit Jugendlichen anstelle von Strafen

11.08.2026

Leseprojekte mit Jugendlichen anstelle von Strafen

Zu sehen ist der Header zum Thema Sozialrecht und Sozialwesen mit den beiden Autorinnen Prof. Dr. Caroline Steindorff-Classen und Prof. Dr. Miryam Eser Davolio

von Prof. Dr. Caroline Steindorff-Classen und Prof. Dr. Miryam Eser Davolio

Der Einsatz von Literatur in der pädagogischen Arbeit mit straffällig gewordenen jungen Menschen ist nicht neu. Doch erst seit etwa 20 Jahren kam es im deutschsprachigen Raum zur Entwicklung von Leseprojekten, in denen Literatur gezielt und systematisch zu kriminalpräventiven Zwecken eingesetzt wird. Teilweise ging die Initiative dafür von Jugendämtern oder Richtern aus, zuweilen waren es aber auch Hochschulen, die Leseprojekte für junge Straftäter:innen initiierten. Konkret geht es diesen Projekten darum, ihre Zielgruppe im Rahmen von Diversionsverfahren, nach einer entsprechenden Verurteilung oder auch in Einrichtungen für den Vollzug von freiheitsentziehenden Maßnahmen über geeignete (Jugend)Romane und andere literarische Texte zu erreichen. Primäres Ziel ist es dabei, die jungen Menschen zum Lesen zu motivieren und zum Nachdenken anzuregen.

Mit Punitivität haben die neuen literaturgestützten Ansätze in der sozialpädagogischen Arbeit mit delinquenten Jugendlichen und jungen Erwachsenen wenig zu tun. Sanktionen sind in der Regel auch wenig zielführend, wenn es darum geht, Jugendliche „auf den guten Weg“ und zur Desistance zu führen, wie Rückfallstudien belegen. Während der aktuelle öffentliche Diskurs mit populistischen Forderungen nach härterem Durchgreifen derzeit wieder verstärkt in die entgegengesetzte Richtung zielt, gilt es, sich nicht davon abbringen zu lassen, evidence-based und mit einem vertieften Verständnis von und für Problemlagen und Bedürfnisse von betroffenen jungen Menschen auf deren Straftaten zu reagieren.

Vorteile von Leseprojekten und Peer-Effekt

Anders als bei punitiv ausgerichteten Maßnahmen, die Jugendliche oftmals als stigmatisierend und schambesetzt erleben, wird ihnen in Leseprojekten das Gefühl vermittelt, mit ihren jeweiligen Anliegen und Sichtweisen ernst genommen zu werden. Werden die Gespräche über gemeinsam gelesene Texte, wie in München oder Zürich, von Studierenden der Sozialen Arbeit oder angrenzender Disziplinen geführt, kommen weitere Vorteile hinzu: Die Studierenden erweitern dann in diesem Setting ihre Gesprächsführungskompetenz und ihr Verständnis für die von ihren eigenen, oftmals verschiedenen Lebenswelten der Jugendlichen. Zugleich trägt der Peer-Effekt dazu bei, dass sich die Jugendlichen leichter auf die Leseprojekte einlassen und weniger verschlossen, ablehnend oder leistungsvermeidend reagieren, als das sonst häufig bei Jugendlichen im Zwangskontext zu beobachten ist. Das gelingt aber nur unter bestimmten qualitätssichernden Voraussetzungen, zu denen u.a. eine entsprechende Schulung und Intervision von Fachkräften oder auch Studierenden gehört.

Selbstreflexion und Entwicklungsförderung statt Strafe

Das heißt aber nicht, dass die Jugendlichen die im Rahmen von Leseprojekten zu erbringenden Leistungen als „easy“ bzw. leichter empfinden als etwa gemeinnützige Arbeitsleistungen. Wer also meint, dass Leseweisungen bzw. -leistungen keine richtige Strafe seien, verkennt, welche (zunehmende) Herausforderung das Lesen für viele Jugendliche darstellt. Sie müssen bereit sein, über das Gelesene nachzudenken, denn die Austauschtreffen bzw. Gespräche über die jeweiligen Bücher lassen sich nicht nur absitzen. Vielmehr müssen sich die Jugendlichen der Auseinandersetzung mit den jeweiligen Lektüreinhalten, deren Bezügen zu sich selbst und damit auch eigenen Themen stellen. Sie müssen Rede und Antwort stehen und sich manchmal auch auf den Zahn fühlen lassen.

Hier zeigt sich, wie delinquente Jugendliche durch bildungsorientierte Maßnahmen in einen Auseinandersetzungsprozess (mit sich selbst) gebracht werden und sich weiterentwickeln können. Dies lässt sie als denk- und empathiefähige junge Persönlichkeiten erscheinen, was Bildern und Vorstellungen in den Medien von dumpfen und gewaltbereiten Jugendlichen entgegenwirkt. In diesem Sinne leistet die Soziale Arbeit mit Leseprojekten durch deren verstehenden Zugang einen Beitrag gegen die vermeintliche Alternativlosigkeit punitiver Massnahmen und setzt ein Zeichen für individualisierte und entwicklungsfördernde Strategien im Jugendstrafrecht.

Prof. Dr. Caroline Steindorff-Classen ist Professorin an der Hochschule München (Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften). Ihre fachlichen Schwerpunkte sind die rechtlichen Grundlagen der Sozialen Arbeit und die justiznahe soziale Arbeit. Seit 15 Jahren leitet sie das mehrfach ausgezeichnete KonTEXT Leseprojekt für straffällig gewordene junge Menschen, das sie zusammen mit Studierenden entwickelt und in die Praxis transferiert hat.

Prof. Dr. Miryam Eser Davolio, ist Erziehungswissenschaftlerin und Dozentin am Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe, Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, forscht und lehrt zu Migrations- und Integrationsthemen, Prävention von Jugendgewalt und Extremismus sowie zu weiteren Themen der Sozialen Arbeit. Sie hat das Leseprojekt am Departement vor sechs Jahren mitbegründet und begleitet Studierende bei ihren Einsätzen mit Jugendlichen.

Beide sind Mitherausgeberinnen des Buchs «Lesen statt Strafen», das aktuell im Nomos Verlag erschienen ist und open access abgerufen werden kann.