Ein Plädoyer für Spielraum und Vertrauen in der Eingliederungshilfe

08.10.2026

Ein Plädoyer für Spielraum und Vertrauen in der Eingliederungshilfe

Zu sehen ist der Header zum Thema Sozialrecht und Sozialwesen mit dem Autor Hendrik Epe

von Hendrik Epe

Die Erbringung Sozialer Arbeit ist hoch individuell. Kein Mensch ist gleich, keine Situation identisch. Zudem erfordert Soziale Arbeit die Mitwirkung der Nutzer:innen. Kurz: Die Arbeit mit Menschen ist immer hochgradig komplex. Sie lässt sich nicht standardisieren. Entsprechend sind Mitarbeitende wie auch die Organisationen der Sozialen Arbeit auf professionellen Spielraum angewiesen.

Soziale Arbeit ist jedoch unmittelbar von sozialpolitischen Entscheidungen abhängig – sowohl finanziell als auch hinsichtlich der Bedingungen für die Leistungserbringung. Hier zeigen sich gegenteilige Entwicklungen: Bürokratische Anforderungen nehmen massiv zu, wodurch der professionell notwendige Spielraum schwindet.

Die guten Absichten des BTHG

Am Beispiel der Eingliederungshilfe, die auf Basis des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) aus dem System der Sozialhilfe herausgeführt und zu einem modernen Teilhaberecht weiterentwickelt werden soll, wird deutlich, wie sich die skizzierte Spannung zwischen notwendigem Spielraum und dessen Verschwinden konkret auswirkt.

Ein Kernprinzip im BTHG ist die Personenzentrierung: Die Leistungen sollen sich grundsätzlich am persönlichen Bedarf der Menschen orientieren. Teilhabeleistungen für die Betroffenen sollen „wie aus einer Hand” genehmigt werden und so die Möglichkeit wachsen, das eigene Leben nach persönlichen Bedürfnissen zu gestalten.

In der Realität zeigt sich das Gegenteil: Die Belastung der Betroffenen ist gestiegen, sie müssen sich zunehmend mit zähen Antrags- und Widerspruchsverfahren auseinandersetzen. Hinzu kommt, dass der Verwaltungsaufwand für die Leistungserbringer ebenfalls stark gestiegen ist. Kurz: Die ursprünglich guten Zielsetzungen des BTHG haben sich ins Gegenteil verkehrt.

Ursächlich dafür ist das Bestreben insbesondere der Kostenträger, jeden denkbaren Fehler im Vorfeld durch engmaschige Kontrolle und strenge Regularien auszuschließen. Das bringt nicht nur überbordende Kontrollanforderungen mit sich, sondern unterstellt Betroffenen und Leistungserbringern grundsätzlich potenziellen Missbrauch der Möglichkeiten, anstatt diese eigenverantwortlich und zielführend zu nutzen.

Kontrolle ist legitim, denn es geht um öffentliche Mittel und Rechtsansprüche. Die Frage ist jedoch, ob der Versuch lückenloser Absicherung dieses Ziel erreicht oder es gerade untergräbt. Denn in der Konsequenz erhalten Betroffene nicht die erforderlichen Leistungen und Leistungserbringer (ebenso wie die Kostenträger) sind in zunehmendem Maß überlastet. Der Fachkräftemangel wird diese Situation weiter zuspitzen und auch die in Digitalisierung und KI gesetzten Hoffnungen werden daran vermutlich wenig ändern.

Vertrauen als Ausweg

Vertrauen lässt sich als Mechanismus zur Reduktion von Komplexität definieren. Der Mechanismus Vertrauen erlaubt es, zu handeln, obwohl nicht alles kontrollierbar ist. Es gilt also, sich von Kontroll- und Absicherungsillusionen zu lösen und „ins Vertrauen“ zu gehen. Vertrauen in die Eigenverantwortung des Gegenübers. Vertrauen in die Grundüberzeugung, dass es ein gemeinsames Ziel gibt. Und Vertrauen in die Wirksamkeit von Stichproben-Kontrollen.

Vertrauen bedeutet jedoch auch, dass es immer unsicher bleibt, ob das Gegenüber die eigenen Erwartungen erfüllt. Deswegen braucht es Mut – den Mut, Spielraum zurückzugewinnen und zu erhalten, wenn Soziale Arbeit auch zukünftig professionell bleiben will. Und es braucht den Mut, die mit dem notwendigen Spielraum immer einhergehende Unsicherheit auszuhalten – sowohl individuell als Mitarbeiter:in als auch in den Organisationen der Sozialen Arbeit.

Hendrik Epe, Dipl. Soz. Arb. (FH) und Sozialmanager (MA), berät seit 2015 Organisationen der Sozialwirtschaft zur Gestaltung von Strukturen und Spielregeln für gute Zusammenarbeit. Kontakt unter www.ideequadrat.org. Hendrik Epe ist Mitautor im Buch Schatten der Zukunft – wie Megatrends die Sozial- und Gesundheitswirtschaft verändern und publiziert u.a. in der Zeitschrift Sozialwirtschaft (beide im Nomos Verlag erschienen).